„Humanismus“ war ein Schlüsselwort der russischen Oktoberrevolution und später des stalinistischen Machtapparats. Aber mit dem Ende der sozialistischen Weltordnung ist auch der von oben verordnete Glaube an den Menschen zusammengebrochen.

Von Viktor Jerofejew

Unsere Kultur hat einen neuen Refrain: „Alles schon mal dagewesen.“ Dieser Refrain ist an sich nicht neu. Er ist das Zeichen für einen Wechsel der Zeichen oder für ein Zwischenstadium. Müde zu sein von der Semiotik, die man hinter sich hat, das ist schön. Es ist wie an der Schwelle zum Traum von einer neuen Offenbarung.

Aber wir sind zu Schlaflosigkeit und all ihren reizenden Begleiterscheinungen verurteilt. Die entschwindende Kultur verheißt keine süßen Träume. Wir wälzen uns ruhelos und fluchend auf dem durchgelegenen Diwan, und plötzlich begreifen wir, daß die ökonomische Krise nur halb so schlimm ist. Gemäß der fiebrigen Logik der Schlaflosigkeit, die da heißt: „Die Welt ist voller Übereinstimmungen“, fällt uns Alexander Blok mit seinem konfusen Aufsatz ein, Blok, der sich in der Geschichte verirrt hat, und wir sagen uns, daß auch das Scheitern des Humanismus schon mal dagewesen ist.

Während es bei uns ein paar gescheite Ökonomen gibt, die auf gesunden Menschenverstand setzen und sich sogar im Zustand der Verzweiflung auf weltweite Erfahrung berufen, liegen bei den Philosophen die Dinge anders. Sie sind schon lange ausgestorben. Geblieben ist nur ein professorales Surrogat.

Es gibt also niemanden, der Rußland aus der weltanschaulichen Krise herausführen könnte. Und wie denn auch? Mit dieser Krise wird man nicht in 500 und auch nicht in 1 500 Tagen fertig.

Was ist eigentlich geschehen? Der Humanismus war die giftigste Waffe der dahingeschiedenen Ideologie. Aber der Reihe nach.