Stolpert die Großchemie nach sieben fetten Jahren in die Krise?

Von Hans Otto Eglau

Der Rotstift machte selbst vor scheinbaren Petitessen nicht halt. Der von der Firma bezahlte Blumenstrauß auf dem Schreibtisch von Prokuristen und höheren Manager-Chargen wurde ebenso gestrichen wie der Zuschuß von dreißig Mark zur firmengenutzten Kreditkarte und ein Teil der Vergünstigung bei der Teilnahme am hausinternen Sport- und Freizeitprogramm. Gekürzt wird bei der BASF aber vor allem am Personaletat. Allein die Rücknahme der Jahresprämie von 160 auf 135 Prozent des monatlichen Bruttoverdienstes verringerte den Weihnachtsgeld-Aufwand um 58 Millionen Mark. Noch stärker schlägt der zielstrebig betriebene Stellenabbau zu Buche. Weltweit wollen die Ludwigshafener ihren Personalstand in diesem Jahr um 9500 auf 120 000 Mitarbeiter reduzieren, davon etwa 4000 Jobs weniger im Inland.

Auch BASF-Konkurrent Hoechst hat sich einen strengen Sparkurs verordnet. In Einzelgesprächen mit den Führungen seiner sechzehn Geschäftsbereiche klopfte Wolfgang Hilger Ende Januar die Möglichkeit ab, hausinterne Dienste wie die Kantine und vor allem die mit der Planung eigener Anlagen beschäftigte Ingenieurtechnik (sie zählt allein tausend Mitarbeiter) zugunsten externer Anbieter aufzulösen. Bereits in den vergangenen vierzehn Monaten speckte der Hoechst-Chef seine Belegschaft um über 2100 Leute ab. Ein etwa gleich großer Stellenabbau soll bis Mitte 1993 folgen. Auch Bayer will in diesem Jahr – vor allem durch Personaleinsparungen in der Verwaltung – 1500 Positionen streichen. In den nächsten Jahren, so meinen Insider, könnten bei den drei „IG-Farben-Nachfolgern“ an die 20 000 Arbeitsplätze verlorengehen.

Starke Gewinneinbrüche

Abspecken müssen die „Großen Drei“, nachdem die fetten Jahre der Chemie fürs erste vorbei sind. Beginnend im Branchentief des Jahres 1982, hatte das Trio seine Gewinne bis 1989 – dem Gipfel des schönen Booms – auf das Vierfache erhöht. Doch von da an ging es kräftig abwärts: Bei Bayer lag der für 1991 ausgewiesene Vorsteuergewinn um 22 Prozent unter der Rekordmarke von 1989, Hoechst mußte ein Minus von 38 und BASF sogar einen Einbruch von fast 52 Prozent melden. Sicherlich wäre es übertrieben, schon von einer Krise zu reden – auch 1991 fuhren die drei Flaggschiffe der Branche immer noch Gewinne zwischen 2,1 (BASF) und 3,2 Milliarden Mark (Bayer) ein und investierten jeweils mehr als 6 Milliarden in Anlagen und Forschung. Unübersehbar jedoch weist die Chemie deutliche Schwächen auf, ist die wachstumsverwöhnte Branche außer Tritt geraten.

Mag die Hauptursache der Ertragserosion auch in der zur Zeit schwachen internationalen Konjunktur liegen, so befriedigt diese Erklärung allein kaum für einen Industriezweig, der (von einigen Sparten des Spezialmaschinenbaus abgesehen) die weltweit letzte Domäne der Deutschen ist. Lediglich der US-Gigant Du Pont ist größer als BASF, Bayer und Hoechst – und auch dann nur, wenn man die „chemiefernen“ Umsätze der 1981 übernommenen Mineralölgesellschaft Conoco (Jet) mit einbezieht. Jeder der drei erzielt bereits ein Fünftel seines Umsatzes in Nordamerika – Daimler-Benz erst fünfzehn und Siemens elf Prozent. Im Unterschied zur deutschen Automobil- und Elektroindustrie muß die Großchemie die Japaner bis heute nicht fürchten.