Vor ein paar Tagen wäre er siebzig geworden, im Herbst jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal: Jetzt erinnert das Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar, dessen Literaturarchiv seinen Nachlaß verwahrt und wissenschaftlich auswertet, an den schon seltsam fern gerückten Schriftsteller mit einer üppigen Kabinett-Ausstellung: „In der Sache Heinar Kipphardt“ (bis 26. Mai; im Juni im Gasteig München; von Mitte August bis Mitte September im Literaturhaus Berlin). Wer nicht vor die Vitrinen der Ausstellung treten kann, muß sich nicht ausgeschlossen fühlen: Im umfangreichen, mit vielen Bildern und Handschriften geschmückten Katalog kann man sich in Texte und Abbildungen versenken (Marbacher Magazin, 60/1992; bearbeitet von Uwe Naumann und Michael Töteberg, mit einer Bibliographie von Nicolai Riedel; 96 Seiten, 10 Mark). Der broschierte Band enthält bisher unveröffentlichte Texte, etwa des Dramaturgen an Wolfgang Langhoffs Deutschem Theater in Ost-Berlin. So lesen wir über Gerhart Hauptmanns Tragödie „Magnus Garbe“ aus dem Kriegsjahr 1942: „Es ist eine große Kampfansage gegen den Gesinnungsterror und die Zerstörung der Vernunft. Freilich begreift Hauptmann die Inquisition als eine Art hereingebrochenen Ungewitters, wie er auch den Faschismus als eine solche Katastrophe begriffen hat.“ Scharf die Abgrenzung des künftigen Stückeschreibers gegen einen damals viel gespielten Kollegen: „Ich halte Ionesco für einen unglaublich überschätzten Autor. Die Absurdität der Welt des späten Bürgertums ist nicht damit darstellbar, daß die Absurdität in die Dramaturgie eingeführt wird. Da kommt Kafka auf den Boulevard, und der Zustand der Welt wird entschuldigt. Ohne jedes Interesse für uns.“ 1949 ist der junge Arzt, der mit der CDU-Regierung die alten Kräfte an die Macht kommen sah, von Krefeld nach Ost-Berlin gezogen, als Nervenarzt an der Charité. Nachts schreibt er Gedichte, Erzählungen, Kritiken. Er fühlt sich heimisch in dem deutschen Staat, von dem er sich mehr Menschlichkeit erhofft: „Man kann eine neue Gesellschaft nicht befehlen, leider, vielleicht erzwingen, aber auch das sind langwierige Prozesse.“ Bald aber entdeckt der junge Nervenarzt die eigenen Nerven und klagt über „viele Vorurteile und manche doktrinäre Horizontengen“. 1959 kehrt Kipphardt von einem Arbeitsaufenthalt im Westen nicht in die DDR zurück, und es beginnt der bekanntere Teil seines Lebens, als Dramaturg in Düsseldorf, später München und als gefeierter Autor („In der Sache J. Robert Oppenheimer“, „März“). Dies alles dokumentiert dieses unentbehrliche Handbuch für alle, die sich mit Heinar Kipphardt und seinem Werk beschäftigen.