Von Ursula Bode

Farbe interessiere ihn sehr, schreibt im Juni 1914 Arthur Jerome Eddy, ein Anwalt aus Chikago, an Wassily Kandinsky, und er wünscht sich von ihm ein "ungewohnt farbenkräftiges Bild". Er wolle es sehen und bei sich haben: "Es trägt zur Belebung der Eintönigkeit des Geschäfts und der beruflichen Umgebung bei." Eddy besaß damals bereits eine Anzahl von Werken des Künstlers. Er wußte wohl, worauf er sich einließ, und seine Vorstellung einer "Belebung" durch Farbe war mehr als der Wunsch nach Unterhaltung. Angesichts der Menschenmengen in der Ausstellung von Aquarellen und Zeichnungen Kandinskys in der Kunstsammlung Nordrhein--Westfalen freut man sich, Mr. Eddy und seine Bedürfnisse im Katalog erwähnt zu finden. Denn sein schlicht vorgetragenes Verlangen nach Farbe als einer den Alltag überhöhenden Kraft macht ihn noch nach einem Dreivierteljahrhundert zum Vorbild all jener Besucher, die hier geduldig von Blatt zu Blatt vorrücken.

Was Eddy und anderen Kandinsky-Sammlern seinerzeit als avantgardistischer Reiz, als irritierend kühner Zugriff und rätselvolle Schönheit erschienen sein mag, läßt sich nun, retrospektiv, als gesicherter Wert der Kunstgeschichte erleben. Das macht die Sache leichter, nicht unbedingt einfacher.

Die Versprechen der frühen Moderne sind eingelöst. Kandinsky, der geborene Russe, der Europäer, der Weltbürger, hat die Kunst unseres Jahrhunderts entscheidend mitbestimmt, ihr neue Sehweisen eröffnet, eine revolutionäre bildnerische Konzeption vorgelegt und diese in Theorie und Praxis über Jahrzehnte weitergeführt. Große Ausstellungen zwischen München und New York, Paris und zuletzt (1989) Frankfurt am Main haben das zwischen dem Jahrhundertanfang und Kandinskys Tod 1944 entstandene Werk in aller Ausführlichkeit vorgezeigt. Für die Retrospektiven in Moskau und Leningrad kamen zudem vor einigen Jahren viele seiner in die sowjetischen Depots verbannten Arbeiten in die Öffentlichkeit zurück. So war der Künstler, der seine Heimat 1921 endgültig verlassen hatte, für seine Landsleute neu zu entdecken.

Wenn jetzt die nordrhein-westfälische Kunstsammlung rund 200 Werke zeigt, darunter eine große Zahl von Blättern aus internationalem Privatbesitz, dann ist das nicht zuletzt eine Gelegenheit, viele sonst verborgene Schätze zu betrachten. Mehr als manch andere Kunstveranstaltung ist diese Ausstellung eine Verlockung zum Sehen. Wobei man das Programm getrost hätte erweitern können durch eine Einladung auch zum vergleichenden Sehen. Zum Beispiel mit Hilfe einiger wichtiger Gemälde oder mit Kandinskys eindrucksvollen Holzschnitten, Radierungen und Lithographie-Folgen. So aber existieren nun Aquarelle und Zeichnungen wie im luftleeren Raum (Gemälde sind immerhin in der ständigen Samm-

Bei den Arbeiten auf Papier ereignet sich auf kleinster Fläche und sehr eindringlich, im Duktus der Zeichnung und in den leicht gesetzten Farbflächen, was auf der Leinwand auch geschieht: Schritt für Schritt enthüllt und materialisiert sich das, was Kandinsky das "große Geistige" nannte. Der Weg vom Gegenständlichen zum Ungegenständlichen zeichnet sich ab, der Aufbruch in die Abstraktion und die Fortsetzung dieses Exerzitiums mit strikt verfolgten, immer wieder erneuerten prinzipiellen Mitteln. Gemälde bilden dabei eigentlich die Wegmarken. Vorbereitet aber wurden sie in einer Fülle von Vorstufen und bildnerischen Erprobungen – eben in jenen Aquarellen, Gouachen und Zeichnungen, auf denen geometrischer Purismus und poetische Leichtigkeit eine wunderbare Allianz eingehen. Die Revolution der Jahre 1910 bis 1914 fand nicht zuletzt auf weißen Papieren statt, später auch auf schwarzen oder grauen Kartons. Die Ausstellung klammert Kandinskys Frühwerk, seine symbolistischen und seine vom Jugendstil geprägten Anfänge, aus – was schade ist, weil das die Radikalität des Neubeginns um 1910 schmälert. So entstehen die Versuche des Mittvierzigers gleichsam aus dem Nichts: Visionäres leuchtet auf, befreite Farbe, befreite Linien, so unpräzise, wie sie Kandinsky zunächst gebrauchte. Die Theorie scheint sich in den linearen Gespinsten zu verflüchtigen. Farbe behauptet sich als Eigenwert, wird leicht und strahlend. Des Malers Welt scheint sich einfach von der Wirklichkeit abzulösen, nicht wie im Rausch, sondern in bewußten, wenn auch von enormer bildnerischer Phantasie beflügelten Bewegungen.

Wenn in den schweifenden Abstraktionen der Murnauer Jahre vor dem Ersten Weltkrieg immer wieder Realität aufscheint, wenn die einfachen Dinge des Lebens – die Sonne, die Berge, die Pferde – als formale Kürzel in einem abstrakten Gefüge ganz selbstverständlich weiterleben, so ist das kein Rückfall. Auf der Suche nach dem "inneren Klang" entfaltete Kandinsky sein abstraktes Vokabular nicht so spontan, wie seine Arbeiten vor 1914 das suggerieren. Der Theoretiker war dem Praktiker voraus. Die Abkehr von europäischen Bildtraditionen, die Hinwendung zum Bild als "rein malerischem Wesen" mit einem "selbständigen intensiven Leben" war ein kompliziertes Unterfangen. Was Tausende heute ganz einfach schön finden, ja was sie weiterhin für bemerkenswert modern halten, entstand vor dem Hintergrund einer auch von Kandinsky als dunkel und bedrohlich empfundenen Gegenwart. Die expressive Energie der Epoche spiegelt sich in seinen Schriften nicht minder: "Kampf der Töne, das verlorene Gleichgewicht, fallende Prinzipien, unerwartete Trommelschläge, große Fragen, scheinbar zielloses Streben, scheinbar zerrissener Drang und Sehnsucht, zerschlagene Ketten und Bänder, die mehrere zu einem macht, Gegensätze und Widersprüche – das ist unsere Harmonie", heißt es in dem Essay "Über das Geistige in der Kunst" (1912). Eine Harmonie der Widersprüche.