Im Wahlkampf geht es mehr denn je um Fragen des Geldbeutels

Von Wilfried Kratz

Der Mann, der die Geschicke der britischen Finanzen steuern würde, falls Labour Party die nächste Regierung bildet, ist ein 53jähriger schottischer Rechtsanwalt, zu dessen Liebhabereien die Besteigung sämtlicher Tausender in den Highlands gehört. John Smith, Finanzminister in Neil Kinnocks Schattenkabinett, verkörpert den vorsichtigen Bankmanager, dem man seine Ersparnisse getrost anvertrauen kann, ein Knauser in der besten schottischen Tradition, der sich nicht scheut, "nein" zu sagen. Das ist genau das Bild, welches der Finanzminister in Anwartschaft zum Nutzen der Labour Party in den kritischen Tagen vor der Unterhauswahl am 9. April zu verbreiten hat.

Smith soll die alte und von dem konservativen Gegner mit Fleiß genährte Unterstellung widerlegen, die Sozialisten könnten nicht mit Geld umgehen. Sie würden es zur Befriedigung ihrer ideologischen Vorurteile verpulvern oder ihren zahlreichen Klienten in die Tasche stecken. Wenn der Schotte in seinem unverkennbaren Dialekt landauf, landab wiederholt, die nächste Labour-Regierung werde "nicht mehr ausgeben, als die Nation sich erlauben kann", dann tut er das mit einem solchen Brustton der Überzeugung, daß man die leere Worthülse fast für bare Münze nimmt.

Ein totes Rennen?

Smith, der das deutsche Verfassungssystem schätzt und den deutschen "Konsensus" im Wirtschaftsleben gern auf die Insel importieren würde, wäre der Mann, der an einem Dienstagnachmittag im Mai im Unterhaus das rote Köfferchen öffnet und erklärt: "In meinem ersten Budget erhöhe ich den Spitzensatz der Einkommensteuer von vierzig auf fünfzig Prozent."

In dieser Wahl geht es mehr denn je um den Geldbeutel. Außenpolitik, Sicherheit, Verteidigung, Europa, Nordirland – das alles zählt wenig. Die großen Themen sind die anhaltende und tiefe Rezession, die Angst um den Arbeitsplatz, der drohende Verlust des Hauses, der Zustand des Erziehungswesens, nicht zuletzt die Lage in der Krankenversorgung. Hier hämmern die Parteien mit verbalem Trommelfeuer aufeinander und auf den Wähler ein. Hier wird sich auch entscheiden, ob das eintritt, was die Meinungsumfragen beharrlich voraussagen: ein totes Rennen zwischen Tories und Labour, ein Fähnlein Liberaldemokraten im linken Mittelfeld und ein Trupp von Nationalisten versprengt in der politischen Landschaft. Das wiederum würde die für Großbritannien ungewöhnliche Aussicht auf eine Minderheitsregierung oder eine Koalition eröffnen.