Architekten müssen, wenn sie der Architektur des Architekten Peter Hübner aus Neckartenzlingen bei Stuttgart begegnen, meist erst einmal schlucken. Dann braucht die ironische Verwunderung eine Weile, bis sie wie ein peinlicher Geruch verfliegt und die Luft rein ist und der Kopf klar, um dahinterzukommen. Oder auch nicht. Denn vieles, was man sie gelehrt hat und was das allgemeine Streben nach guter Architektur zum Inhalt hat, scheint in diesen Gebäuden seine Gültigkeit verloren zu haben. Was sie sehen, widerspricht offenbar der klassischen Lehre vom schönen Bauen, und manches erdreistet sich, den seit Vitruv gepflegten (und von den Gerichten gern zum Beweise bemühten) „Regeln der Baukunst“ zu widersprechen, sagen wir: sie anders auszulegen.

Und so ist es einigermaßen müßig, nach der „Architektur“ des Architekten Peter Hübner Ausschau zu halten. und nach seinem „Stil“ zu suchen. Der seine gehorcht anderen Ideen. Und so ist, was man findet, nicht weniger gehaltvoll, es ist nur ganz anders und gibt vor allem eine bestimmte Haltung zu erkennen. Tatsächlich zieht er nicht aus, um Gebäuden eine vor allem kunstvolle Gestalt zu geben, sondern um denjenigen Menschen eine Freude zu machen, die die Hauptpersonen sind, den Bauherren und den Benutzern. Und das geschieht nicht zuletzt dadurch, daß der Architekt sie am Entwerfen beteiligt, indem er sich nach ihren Wünschen, ihren Gewohnheiten, auch nach ihren Träumen erkundigt – und indem er sie – aus blanker Not sowie aus reiner Lust – mitbauen läßt. So lieben und so pflegen sie ihre Häuser, die sie mit ihrer eigenen Hände Arbeit errichtet haben – und man hofft, daß diejenigen, die nach ihnen folgen, eine Ahnung davon bewahren. Obwohl der ästhetische Eifer unübersehbar ist, erscheint die Architektur hier nicht als Kunst, sondern als Ereignis.

Seit einem Dutzend Jahren hat Peter Hübner etwa ebenso viele Häuser gebaut, darunter wenige Einfamilienhäuser, Kindergärten, zwei kleine Schulen, sonst Jugendhäuser. Sie sind allesamt vorwiegend aus Holz konstruiert, nicht, weil irgendeine Ideologie danach verlangt hätte, sondern um die Mitarbeit von Bauherren und Benutzern möglich zu machen und die Kosten zu vermindern. Nicht zuletzt haben hier Studenten zugegriffen, einmal, um ihr Baupraktikum zu absolvieren, zum anderen aber auch des selten gewordenen Erlebnisses wegen: mit der Hand, mit dem Kopf.

Peter Hübner und sein Professorenkollege Peter Sulzer an der Universität Stuttgart, die beim Lehren und beim Bauen unbeirrt einen eigenen, von kollegialem Beifall nicht unbedingt bekräftigten Weg verfolgen, haben eine Devise, die ungefähr so lautet: Mit einfachen Mitteln und einfachen Konstruktionen infolgedessen so billig wie möglich zu bauen, dabei Licht und Wärme der Sonne zu nutzen, somit Energie zu sparen, die Umgebung zu schonen oder ihr eine bisweilen auch kesse Pointe zu geben, die Idee eines Gebäudes seinem Ort abzulesen, die Pläne nicht fix und fertig (und genehmigungsreif) vorzulegen, sondern sie zusammen mit den großen und kleinen, direkten und indirekten Bauherren gemeinsam zu vervollständigen, manchmal sogar erst zu entwickeln. Dabei geht es nicht um ästhetische Ergebnisse, sondern um andere Werte, zum Beispiel um sozialpsychologische Wirkungen und eine räumliche Atmosphäre, die Zutrauen hervorruft.

Das Projekt, das Hübner und Sulzer 1983 bekannt gemacht hat, war das Studentenheim am Rande des Stuttgarter Universitätsviertels in Vaihingen, eine ruppige, wilde Assemblage sehr verschiedener, um einen Gemeinschaftsraum gruppierter Häuser, die durch ihre eigenwillige, auch bizarre Form auffielen. Es ist die räumliche Stimmung, die die Heterogenität überspielt – der sie aber auch mit zu verdanken ist.

Das unvergleichliche Ensemble hat inzwischen eine ganze Anzahl von Jugendhäusern in und um Stuttgart nach sich gezogen, einen damit ja nicht ganz zufällig verwandt erscheinenden Bautypus: gleiche Mentoren (Eltern, Lehrer, Sozialpädagogen), gleiche Entwurfs- und Baupraxis (Selbsthilfe, Holzbau, Improvisation, Architektur als ein Prozeß), gleiche Intensität der Identifikation (Inbesitznahme durch Mitarbeit), gleich ärmliche Budgets – und immer auch die gleichen Schwierigkeiten im Umgang mit Gemeindepolitikern und Behörden, die dem Ungewohnten, scheinbar Unordentlichen mißtrauen, aber Geld und Baugesetze verwalten. Das zuletzt in Betrieb genommene Jugendhaus ist das von Stammheim. Natürlich, man weiß längst, was Stammheim ist. Jedoch, der warme Wind, den das Fröhlichkeit verbreitende Gebäude gemacht hat, verwehte sogar das Odium des Ortes. Man denkt nicht mehr nur an das Hochsicherheitsgefängnis.

Der wichtigste Mahner und Ratgeber, der sich hier engagiert hat, ist ein Förderverein. Er hatte zusammen mit Eltern und Lehrern endlich auch die Stammheimer Politiker davon überzeugt, daß der Ort eine solche Institution braucht, besonders für die vielen hier neu angesiedelten Familien mit ihren Kindern. Der Architekt Peter Hübner legte nun keinen fertigen Entwurf vor, sondern, wie es seinem Sinne entsprach, eine Handvoll lustiger aquarellierter Freihandskizzen von dem Gebäude, gedacht zur Anstiftung der Phantasie (Traumhaus, Wolkenkuckucksheim, Schloß, Atlantis, Piratennest) und zur Überzeugung der Politiker und Behörden. Welch ein Glück: Der Stammheimer Bezirksrat stimmte zu, stellte allerdings nur den ärmlichen Betrag von 600 000 Mark zur Verfügung – für den großen Rest hoffte man auf Spender, vor allem auf Selbsthilfe.