Wir werden überrollt und ausverkauft, die Neutralität ist futsch, und vergiftet werden wir auch noch." So zitiert Wolfgang Schüssel Volkes Stimme zum Thema "Österreichs Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft". Die Mißbilligung ist dem Wiener Wirtschaftsminister dabei förmlich anzusehen. In seinem mit bunten Designermöbeln ausgestatteten Ministerbüro wirkt der Konservative mit den kessen Sprüchen und dem feschen Mascherl am Kragen wie ein Austro-Yuppie, der nur auf die Gelegenheit wartet, die Herausforderung Europa "mit Lust" anzunehmen.

Zweifel scheinen ihn nicht anzufechten. Müßte sich die österreichische Wirtschaft stark umstellen? "Nein, überhaupt nicht." Aber die Abschaffung der Handelsbarrieren könnte doch Schaden anrichten? "Wir verdienen jetzt fast die Hälfte des Sozialproduktes im Export. Da eine Öffnung zu fürchten wäre doch schwachsinnig." Hat Österreich keine Angst vor der Macht der Eurokraten? "Brüssel hat 20 000 Beamte, Wien 60 000. Die Brüsseler Hydra ist mir tausendmal lieber als der Wiener Magistrat." Und die wachsenden Bedenken der Bürger? "Wissen’S, zu Tod’ gfürcht, is a gstorbn."

Ferdinand Lacina, der sozialdemokratische Kollege vom Finanzressort, residiert im prächtigen Winterpalais des Prinzen Eugen. Zwischen Groteskenmalereien und Schlachtenszenen pflegt der Mann im Nadelstreifen die gesetzte Rede. Ihm mißfällt das selbstgenügsame "Wir-sind-wir-Denken" seiner Landsleute und die Ansicht, wenn man wie bisher auf einer Insel der Seligen weitermache, könne nichts schiefgehen. Lacina: "Wir bemühen uns, die Mentalität des unsinkbaren Schiffes wegzubekommen."

Daß Österreich an die EG jährlich Nettozahlungen von etwa 1,5 Milliarden Mark leisten müßte, stört ihn nicht weiter: "Wir müssen einen Mitgliedsbeitrag zum Club zahlen und können erwarten,’ daß wir dafür auch Leistungen erhalten." Ob die Österreicher das so einfach hinnehmen? "Der Finanzeffekt ist noch nicht in ihr Bewußtsein vorgedrungen." Werden die Vertreter der vielen geschützten Berufe auf ihre Privilegien verzichten? Hier habe man sich bereits um eine "Deregulierung von links" bemüht. Und der hohe Staatsanteil an Industrie und Banken? "Da sehe ich keine großen Probleme."

Der Rote im feudalen Prinzenpalais und der Schwarze im lachsroten Designersessel – für sie ist Österreich bereits solide in Europa verankert, der Beitritt zur EG ein zwingender Schritt. Doch die Stimmung im Land läuft nach anfänglicher Euro-Euphorie jetzt in die entgegengesetzte Richtung. Wenn heute die unvermeidliche Volksabstimmung stattfände, behielten möglicherweise die Beitrittsgegner die Oberhand. Im Lande des Doktor Freud trägt die Europadebatte gelegentlich Züge eines nationalen Psychodramas.

Da ist die Sache mit den anonymen Konten. Seit 1819 (und nur unterbrochen durch die Nazizeit) dürfen die Österreicher anonyme Konten und Depots eröffnen, ein phantasievolles Codewort genügt. Ausländern ist dieses Gewohnheitsrecht auf Steuerhinterziehung seit einigen Jahren verwehrt, doch bei schätzungsweise achtzig Prozent aller Sparkonten wissen weder Fiskus noch Bank, wem sie gehören. Jetzt ist Panik ausgebrochen, weil das "Privileg" nach einem EG-Beitritt schwer zu halten wäre.

In der Tat heißt es in einer EG-Richtlinie vom Juni 1991, daß in den Mitgliedsstaaten "die Kredit- und Finanzinstitute von ihren Kunden die Bekanntgabe ihrer Identität durch ein beweiskräftiges Dokument verlangen, wenn diese mit ihnen Geschäftsbeziehungen anknüpfen, insbesondere wenn sie ein Sparkonto oder ein anderes Konto eröffnen". Damit soll die Geldwäsche unterbunden werden, mit der Österreichs Sparer natürlich nichts zu tun haben. So forderte Die Presse aus Wien: "Das sprichwörtliche alte Mutterl, das für ihre Enkelkinder oder fürs Begräbnis spart, darf