Beim Umbau des Schulsystems in den neuen Bundesländern geht Brandenburg seinen eigenen Weg

Von Dieter E. Zimmer

Lange ist es her, daß ihre Keramikfabriken der märkischen Kleinstadt Velten den Beinamen „Ofenstadt“ verdienten. Heute ist Velten einer jener Orte im platten Berliner Umland, die wirken, als hätten sie die Entscheidung zwischen Agrar und Industrie zu lange hinausgeschoben und seien darüber ärmlich und grau geworden.

In dieser Umgebung wirkt die Plattensiedlung Velten-Süd fast proper und adrett. Ihr Mittelpunkt ist das hochideologisch umgürtete Schulkarree, flankiert von der Straße des Friedens, der Straße der Freundschaft, der Straße der Solidarität und der Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Jedenfalls sind neue Straßenschilder noch nicht montiert.

Montiert aber wird gerade das Schild mit dem neuen Namen der Schule. „Grundschule Velten-Süd“ heißt sie jetzt schlicht. Einst war sie die „Polytechnische Oberschule Fritz Gabbe“. Fritz Gabbe steht draußen vor der Tür, ein älterer Herr mit Brille auf einer grabsteinartigen Denkmalplatte. Wer war Fritz Gabbe? Eine Veltener Berühmtheit, erklärt Peter Kempa, der Schulleiter, als sage das alles. Jürgen Hinze, sein Stellvertreter, der wohl befürchtet, daß der Journalist es sich nach Journalistenart leichtmachen könne, ergänzt: Gabbe, das war ein Veltener Uraltkommunist, der bei den Nazis im Zuchthaus war und später Archivar bei der SED-Bezirksleitung – und zwiespältig sei das schon, wie jetzt auch die alten Antifaschisten aus dem Straßenbild beseitigt würden. Glücklicherweise aber fällt das Denkmal in die Zuständigkeit der Kommune und nicht der Schule. Die hat nämlich dringlichere Sorgen.

Als POS hatte sie die Klassen eins bis zehn und 620 Schüler. Bei ihrer Mutation zur Grundschule im Herbst 1991, zu Beginn des laufenden Schuljahrs, als das gesamte Brandenburger Schulwesen neu strukturiert wurde, hat sie die vier oberen Klassen abgegeben, aber es bleiben ihr immer noch 547 Schüler – die geburtenstarken Jahrgänge aus der Noch-DDR-Zeit. Erst 1996 wird sich der postsozialistische Geburtenrückgang bemerkbar machen, dann aber gleich dramatisch.

Anders als an anderen Brandenburger Schulen ist der Großteil des Kollegiums hier noch beisammen. Aber im Verhältnis wurden hier mehr Lehrer entlassen als anderswo, drei insgesamt. Den „Modrow-Lehrern“, Genossen, die in der Übergangszeit schnell noch mit einem scheinbar sicheren Job versorgt wurden, weint man an den ostdeutschen Schulen keine Träne nach. Hier war der eine ein SED-Funktionär aus der Kreisleitung, der andere ein Marxismus-Leninismus-Lehrer, der Hortner spielen sollte. Aber der dritte, „das war eigentlich ein trauriger Fall“ – ihm wurde nur zum Verhängnis, daß er seine Militärzeit einst beim Wachregiment Felix Dzershinski abgeleistet hatte, „und das war ja MfS“.