Es gibt ihn tatsächlich! Sein Übersetzer, Herr Tabucchi aus Italien, hat ihn entdeckt und sogleich ein Theaterstück über ihn geschrieben ("Herr Pirandello wird am Telephon verlangt"). "Hier bin ich, ich bin Pessoa", sagt der Held darin am Anfang, und weiter: "Ich bin Pessoa, der vorgibt, ein Schauspieler zu sein, der Pessoa spielt."

Nun wissen wir also, wer er ist. Ein Dichter und ein Schauspieler, der sich in einen Dichter mit erfundenen Namen verwandelt: Alberto Caeiro und Ricardo Reis, Alvaro de Campos und, als ein kleines, gelungenes Täuschungsmanöver, einer mit Namen Pessoa sogar. Er ist ein schlauer Verwandlungskünstler und vertauscht tollkühn alle Dichterrollen, um Fernando Pessoa zu sein: der berühmte Dichtervater.

In Basel wird nicht das Stück von Antonio Tabucchi gespielt, sondern ein anderes, seltsam verwandtes. Auf der Bühne sitzen vier Schauspieler, perfekt getarnt und einander zum Verwechseln ähnlich. Es sind die Herren Jung, Ostendorf, Horn und Jäggi. Sie stellen die Herren Pessoa, Pessoa, Pessoa und Pessoa dar: Vier Dichter sitzen an ihren kargen Tischen, sind in dünne Mäntel gehüllt und sehen wunderbar gleich aus. Eifrig spitzen sie ihre Stifte. Buchhalter des Lebens sind sie, müssen immerzu addieren und dabei Verluste erleiden. "Sie ziehen die Summe und gehen vorüber", heißt es später. Erst einmal aber sind sie erschöpft, erheben sich und trinken Portwein. Ganz erstaunt schauen sie drein und geben mysteriöse Dinge von sich, berichten von unergründlichen Geheimnissen, von Sinn und Existenz, Weltall und Unendlichkeit. Sie sind in tiefe Gedanken versunken, dürfen niemals fühlen und empfinden, und mitunter beklagen sie sich heftig darüber. Anders sind sie als alle anderen, von denen im übrigen jede Spur fehlt.

Um sich derweil die Zeit zu vertreiben, verwandeln sie die Schreibstube in ein dunkles Zauberreich (Mäntel und Hüte, Kontor, Bodega und Wunderkammer: Anna Viebrock). Darin müssen sie viele Abenteuer überstehen, erleben manchen Sturm im Portweinglas und entfachen gefährliche Zimmerbrände. Dann blicken sie in den Spiegel an der Wand, entdecken sich selbst und andere berühmte Narren, Christus, Luzifer und Goethe zum Beispiel. Der Boden unter ihnen schwankt. Darauf tanzen und hüpfen sie, sind ausgelassen wie Kinder und spielen Himmel und Erde. Oft aber schweigen sie einfach, blicken nach oben, dorthin, wo plötzlich ein gleißendes Licht ist und eine ferne Musik von fremden, ungewissen Freuden erzählt.

Das Stück, in dem sie spielen, heißt "Faust" und ist "eine subjektive Tragödie". Bis zu seinem Tod im Jahr 1935, drei Jahrzehnte lang, arbeitete Fernando Pessoa daran, ohne damit fertig zu werden. Anfangs erdachte er all die bekannten Faust-Figuren, von Wagner bis Mephisto, und mußte schließlich bittere Verluste erleiden. Nur Faust blieb ihm erhalten. Denn im Grunde war ihm an keiner anderen Figur gelegen. Sein Faust aber ist nur noch ein Schatten seiner selbst und ganz verschieden von Goethes Urahn. Nur eine einzige Seele wohnt in ihm. Vom Himmel fordert er zwar alle Sterne, will aber nichts mehr wissen "von der Erde höchster Lust". Kein Pakt muß mehr geschlossen, kein Liebesabenteuer darf durchlitten, kein nützliches Land wilden Wassern abgerungen werden. Keinen gibt es mehr, mit dem man streiten und wetten könnte. Die Erde ist leergefegt. Top, die Wette gilt! Und schon ist sie verloren.

Nur Gretchen ist noch ein klein wenig vorhanden. Sie ist eine Rätselgestalt, irdisch und unbegreiflich. In Pessoas "Faust" heißt sie Maria. In seinem wirklichen Leben aber hatte sie einen viel schöneren Namen, war Pessoas Sekretärin und hieß Ophelia. Monika Koch spielt sie als reife Margarete, eine lustige alte Dame fern aller Jungfräulichkeit. Gern erinnert sie sich an die sonderbaren Gamaschen ihres Dichters, an seine Eifersucht und an das Dekolleté, das er ihr einst verboten hat.

Gretchen-Maria aber ist eine Erfindung des Dichters, ist jung und zart besaitet und wird von Susana Fernandes Genebra gespielt. Wenn die portugiesische Schauspielerin in der weichen und fremden Sprache ihre Liebe gesteht, sitzen all die armen Pessoas schreckenssteif auf ihren Buchhalterstühlen. Es ist ein Augenblick, der lange verweilt und einfach nicht enden möchte.