Von Tobias Gohlis

Seit Sommer 1991 geht Pfarrer Martin, Weskott nach der Predigt nicht nach Hause, sondern über die abschüssige Wiese hinter seiner Kirche zu einem uralten Bruchsteinhaus. Dort öffnet er die mächtigen Flügel einer Holztür mit gotischem Bogen und lädt zur Besichtigung ein.

Der Schatz, den er in den Gewölben einer ehemaligen Zehntscheune auf dem Burgberg von Katlenburg hortet, ist ein kleiner Teil des kulturellen Erbes des vereinigten Deutschland. Unter Spinnweben und in feuchten Kellern lagern hier rund 28 000 Bücher aus der ehemaligen DDR, die Martin Weskott vor der Vernichtung gerettet hat: Politische Schriften von Stefan Heym, Reiseführer zum Balaton, Kinderbücher, Dokumentationen zu Berliner Mauer und Leipziger Montagsdemos, Anderseits "Efraim", medizinische und technische Lehrbücher, drei Metallgitterpaletten gefüllt mit dem letzten Gedichtband der avantgardistischen Lyrikerin Elke Erb, gesammelte Reden des Bundespräsidenten unter dem Titel "Brücken zur Verständigung", eine Lizenzausgabe von Horst-Eberhard Richters "Die hohe Kunst der Korruption" und vieles andere mehr findet sich hier.

Dort, wo die Bücher herkommen, waren sie schlechter untergebracht. Ein Photo in der Süddeutschen Zeitung vom Mai vergangenen Jahres scheuchte Pfarrer Weskott auf. Es zeigte Packen mit eingeschweißten Büchern, die unter freiem Himmel verrotteten. Mit zwei Gemeindemitgliedern fuhr er nach Plottendorf, vierzig Kilometer südlich von Leipzig. "Durch ein Loch im Zaun drangen wir auf den Lagerplatz. Entsetzt starrten wir auf die vom Schimmel angefressenen Bücher. Am Zaun fanden wir einen Band Heinrich Mann, und ich dachte, jetzt wird sein Werk zum zweiten Mal vernichtet." Die Lagerung unter freiem Himmel war nur eine Form der Zerstörung; im Herbst 1991 berichtete der stellvertretende VS-Vorsitzende Dieter Mucke von fünfzigtausend Tonnen teilweise funkelnagelneuer Bücher – Klassiker, Kinderbücher, Fachliteratur, Werke zeitgenössischer Autoren –, die auf der Müllhalde Hainichen bei Espenhain entdeckt worden waren. Sie vergammelten unter einer meterdicken Erdschicht.

Die Ursachen für diese "Kulturschande", wie es der Sprecher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Eugen Emmerling, nennt, liegen in der abrupten Umstellung von Plan- auf Marktwirtschaft. Bis zum Zeitpunkt der Währungsunion Juli 90 hatte die Leipziger Kommissionsgesellschaft LKG eine Monopolstellung als Lager- und Auslieferungsfirma des staatlich gelenkten Buchhandels. Die oft für einen langen Erscheinungszeitraum vorausgeplanten hohen Auflagen der 6500 Buchtitel, die pro Jahr in der DDR produziert wurden, lagerten hier. Diese Restauflagen erwiesen sich in der Konkurrenz mit Westbüchern und allen anderen Westwaren als nicht absetzbar. Ähnlich ging es den 1989/90 mit hohen Erwartungen und Krediten hergestellten Büchern, obwohl sie oft, wie etwa die des Taschenbuchprogramms des Leipziger Reclam-Verlages, hochinteressant waren. Doch viele Ossis brauchten erst einmal Ratgeber aller Art aus dem Westen. Unerfahrenheit mit den neuen Wirtschaftsbedingungen spielte ebenfalls eine Rolle, Antiquariate und Restauflagenverwerter waren überfordert oder nicht vorhanden. Öffentliche Büchereien und Firmenbibliotheken warfen Bücher weg. Auch wurden Titel ausgemustert, um nicht dem eigenen Verlagshaus, das ja oft ein wieder- oder neuvereinigtes war, Konkurrenz zu machen.

Pfarrer Weskott und seine Helfer gewannen örtliche Unternehmen als Transporthelfer und überzeugten die mit Buchvernichtung und Papierrecycling beauftragten ostdeutschen Firmen, die brauchbaren Bücher lieber ihm zu geben. Und so haben sie rund 40 000 Bücher vor dem Reißwolf bewahrt und 12 000 bereits verteilt. Gegen eine Spende, die der Aktion Brot für die Welt zugute kommt, holen sich jeden Sonntag von 10.30 Uhr an Bücherfreunde in Katlenburg neues Lesefutter. Inzwischen zieht die Aktion ihre Kreise. Eine Autorin hat ihre verschollen geglaubten Bücher in Katlenburg wiederentdeckt. Unibibliothekare ergänzen ihre Bestände, etwa mit Spezialtiteln zu Technik oder Rechtswesen. Eine Bibliothekarin im Vorruhestand kam Mitte März aus Erfurt angereist und fertigte ein erstes Bestandsverzeichnis mit rund 150 Titeln. Andere Neu-Bundesdeutsche haben bereits wagenweise Bücher zurückgeholt. Neue Möglichkeiten tun sich auf. So könnten Fach- und Sprachlehrbücher gut in den osteuropäischen Ländern Verwendung finden, in denen deutschsprachige Bücher händeringend gesucht werden, wie der Göttinger Verleger Steidl berichtet.

Pfarrer Weskott, dessen Beispiel inzwischen andere Gemeinden und Verbände gefolgt sind, ist mit seiner Unterwanderung der angeblich so ehernen marktwirtschaftlichen Sachzwänge zufrieden. "Wenn Sie es theologisch sehen", sagt er in Anspielung an die geretteten Weizsäcker-Reden, "haben wir Brücken der Verständigung geschlagen. Das ist unsere Aufgabe." Der Pontifex von Katlenburg hat seine Zehntscheune noch voll.

Die Adresse von Pastor Martin Weskott: 3411 Katlenburg-Lindau, Herzberger Straße 23, Telephon: 0555/2322