Im ersten Heft des laufenden Jahrgangs durfte Helmut Dahmer, der langjährige und mittlerweile abgelöste Redaktionsleiter von Psyche, auf Anweisung des Verlegers der Zeitschrift Michael Klett kein Editorial mehr an seine Leser richten (siehe ZEIT 1/1992). Die beiden nächsten Hefte erschienen – bei fortlaufender Seitenzahl und identischem Layout – unter neuer Leitung und mit neuem Titel: Psychoanalyse – Klinik und Kulturkritik.

Das April-Heft wird nun wieder den alten Namen Psyche tragen, den Klett von den früheren Mitherausgebern Dahmer und Rosenkötter zurückkaufen konnte, nachdem diese einsahen, ohne Abonnentenkartei keinen anderen Verlag zu finden, der die Psyche mit ihnen gemeinsam zu den alten Konditionen weitergeführt hätte.

Damit ist, zumindest formal, ein Konflikt beendet, der vorübergehend die Existenz der führenden psychoanalytischen Fachzeitschrift bedroht hatte. Kaum zu glauben, daß eine andere scientific Community in ähnlich rabiater Weise mit ihrem publizistischen Forum umgehen würde. Unter Psychoanalytikern haben solch destruktive Umgangsweisen jedoch Tradition.

In einem Beitrag für die Zeitschrift konkret (Februar 1992) hat Helmut Dahmer, dessen Feder Psyche auf absehbare Zeit womöglich nicht mehr zur Verfügung steht, zum Konflikt Stellung genommen.

Dahmers Prognose fällt eher düster aus: Demnach wäre zu erwarten, daß das unter seiner Leitung erworbene kritische Engagement der Zeitschrift künftig verspielt werden könnte. Und tatsächlich hat Dahmer, der die Inhalte von Psyche in den siebziger und achtziger Jahren entscheidend mitbeeinflußte, ein qualitativ hochwertiges Erbe hinterlassen, das zu übernehmen und fortzusetzen seinen Nachfolgern selbst bei größter Anstrengung nicht ganz leicht fallen könnte.

Unter Dahmers Redaktionsleitung wurde die Entmystifizierung einer bis in die siebziger Jahre reichenden Legendenbildung betrieben, der zufolge sich die Geschichte der Psychoanalyse während der Zeit des Nationalsozialismus als eine Chronik heldenhaften Widerstandes las, während tatsächlich Opportunismus und Duckmäusertum herrschten. Die gern eigene Zöpfe flechtenden psychoanalytischen Zunftgemeinschaften wurden von Psyche kritisch betrachtet; Psyche hielt auch Abstand zu jenen Formen der Psychoanalyse, die sich dem universitären – insbesondere dem medizinischen – Betrieb und dessen Sach- und Denkzwängen zu stark anpassen. Auch wollte die alte Psyche eine kritische Theorie des Subjekts in der Tradition Freuds und im Austausch mit Vertretern anderer Disziplinen befördern. Diese Richtung galt hierzulande als neomarxistisch und jenseits der inzwischen abgerissenen Mauer als „bourgeois“. Im besten Sinne von Aufklärung saß man also zwischen allen Stühlen, die in den diversen „weltanschaulichen“ Lagern in den beiden vergangenen Jahrzehnten vermarktet wurden.

Die bisherige Grundorientierung von Psyche werde beibehalten, versichert Margarete Mitscherlich, die Protagonistin jener Gruppe, die nunmehr, dank tatkräftiger Unterstützung des Verlegers, den Sieg auch vor Gericht davontrug. Dahmer und seine Anhänger verloren ihren Anspruch auf die Abonnentenkartei der Psyche, mit deren Hilfe sie sich direkt an die Leser hätten wenden können, nicht zuletzt deshalb, weil alle Herausgeber, also auch Dahmer und Rosenkötter, Klett bereits 1989 alle Rechte am Zeitschriften-Unternehmen Psyche überlassen hatten. Hinterlassen hat hingegen der Streit um Psyche bei den vor Gericht Unterlegenen einen Berg Schulden (Stichwort: „Spende für die Unterstützung der Psyche Detlev Michaelis, Frankfurter Sparkasse, Konto-Nr. 39 02 91).