Aus einem Teil Lästerlichkeit, einem Teil Liederlichkeit und einem Teil Galgenhumor entsteht die allrussische Melancholie. Aus diesem Gebräu wird gern Literatur destilliert; „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ heißen solche komisch-schwermütigen Werke, „Zyniker“ oder „Das Herz des Patrioten“.

Der Erzähler von Jewgeni Anatoljewitsch Popows Roman „Das Herz des Patrioten“ heißt Jewgeni Anatoljewitsch Popow und ist ein fauler, disziplinloser Säufer. Der Autor distanziert sich entschieden von dem „Geflunker“ seiner Schöpfung, die Übersetzerin schließt sich ihm in zwei komplizenhaften Fußnoten an. Genau wie sein Erfinder zur Entstehungszeit des Buches ist dieser erfundene Jewgeni Popow ein dichtender Geologe ohne jede Aussicht auf Veröffentlichung. Inspiriert vom Ableben „DESJENIGEN WELCHER“ (gemeint ist Leonid Breschnjew), verfaßt er „diverse Sendschreiben an Ferfitschkin“. Sie berichten vor allem von einem Spaziergang durch Moskau, wobei den Autor jedes Haus an irgendein Besäufnis erinnert, das irgendwann mit irgendwem dort stattgefunden hat. Über lange, lange Seiten erdrosselt Popow jeden Spannungsbogen, zerschnipselt noch das kleinste Handlungsgerüst und ergeht sich in endlosen (und endlos koketten) Entschuldigungen für „die Dürftigkeit, Schlaffheit und Kümmerlichkeit“ seiner Ergüsse. Wie viele Autoren, die genüßlich die Sinnlosigkeit ihres eigenen Schaffens reflektieren (aus postmodernen oder sonstweichen Gründen), ist auch Popow über weite Strecken ein rechter Langweiler.

„Im Westen geht alles, aber nichts bedeutet etwas“, lautet ein berühmter Satz über die Beschaffenheit der Welten zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, „während im Osten gar nichts geht, aber alles etwas bedeutet.“

Popows Welt (das Moskau der ausgehenden Breschnjew-Ära, der „Periode der Stagnation“) sieht anders aus. Der Große Führer stirbt, und so lautet des Dichters bitterer Kommentar: „Schalten wir auf eine neue Energiestufe um! Am Ruder unseres Landes steht erneut ein würdiger, tatkräftiger Mann, erneut ist unser Land so unbesiegbar, wie es immer und überall unbesiegbar gewesen ist! Es wird wiederum eine nie erlebte Blüte erleben! Irgendwas werden wir zu essen kriegen und uns gegenseitig Gedichte vorlesen ...“

Diese Welt ist absurd. Je optimistischer die offiziellen Parolen ein besseres Leben verkündigen, desto sicherer werden alle in der alten Schwermut weiterdümpeln – und zwar für immer und ewig. 1983 hat Popow seine „Sendschreiben an Ferfitschkin“ verfaßt; erst in diesem Jahr konnten sie in Mosaku veroffentlicht werden.

Wenn aber nichts mehr Sinn hat (und „sie“ den Dichter noch nicht einmal bezahlen, ihn statt dessen „verhöhnen wie die Nihilisten den Schwachsinnigen“) – wozu dann Literatur, wozu eine „wohlproportionierte und -kalkulierte Darstellungsweise“?

Formlosigkeit ist Popows Rache, „Graphomanie“, Schreibzwang, seine Rettung, und aus lauter Trotz und Witz phantasiert er sich in die Rolle eines Dichters nach Plan, der seine sozialistische Schreibnorm gewißlich übererfüllen wird. Am liebsten aber läßt er sich treiben: „... ich wiederhole, wiederhole, wiederhole mich, das ist mir aber piepegal, piepegal, piepegal...“