Von Thomas Schmid

Die deutsche Vereinigung hat, vorerst zumindest, kaum Zuversicht, Tatendrang und Phantasie freigesetzt. Mißgunst, Kleinmut und Familienkrach beherrschen die Szene. Ein Ende der Querelen ist nicht abzusehen, und die Auseinandersetzung über Geschichte und Erbe der DDR ist zu einer Schlammschlacht geworden. Viele beklagen das.

Und doch hat der Absturz des Vereinigungsspektakels in die Niederungen des Alltags sein Gutes: Vielleicht gelingt es dieses Mal besser als vor mehr als vier Jahrzehnten, das Ende einer deutschen Diktatur zu einer öffentlichen Auseinandersetzung über Schuld, Mitläufertum und auch die Verstrickung von Intellektuellen zu nutzen. Der Streit darüber kann gar nicht weihevoll, er muß "kleinlich" ausgetragen werden.

Auch die Literatur blieb vom deutschen Unfrieden nicht verschont. Schnell hatten sich die unausweichlichen querelles allemandes auch auf deren Terrain ausgedehnt, und seit Jahr und Tag ist von einem deutsch-deutschen Literaturstreit die Rede. Er begann als ein Versuch, das bisher gültige Urteil über die – eben noch gefeierte – DDR-Literatur einer Revision zu unterziehen; eine Fortsetzung erfuhr er als Streit um die Stasi-Literatur-Connection, beginnend mit dem Fall des Sascha Anderson.

Ein Tabu war gebrochen: das Tabu von der besonderen Qualität und Würde der DDR-Literatur. Die Literatur hatte im angeblichen "Leseland" DDR einen hohen Stellenwert, beträchtliche Autorität und eine große Leserschaft besessen – freilich nicht, weil dort das literarische Interesse größer gewesen wäre, sondern einfach deswegen, weil Schriftsteller hier Funktionen übernehmen mußten (und konnten!), die im Westen der Presse und der Öffentlichkeit im allgemeinen zufallen.

Etliche Schriftsteller aus der ehemaligen DDR geben heute vor, sie seien froh darüber, daß ihnen diese zusätzliche und berufsfremde Aufgabe nun genommen sei und sie sich wieder ausschließlich ihrem Metier widmen könnten. Ich bezweifle, daß diese Bekundungen ganz ehrlich sind. Denn die große Aufmerksamkeit für die Schriftsteller hatte ja auch etwas Schmeichelndes; jeder, der nicht im engen Sinne entlang der Linie der SED schrieb, konnte sich – im Osten wie im Westen – höchsten Interesses sicher sein. Da nun die Schriftsteller nicht anders sind als die Leute, hatte es für sie nahegelegen, dies in quasigewerkschaftlicher Weise auszubeuten. Sie haben – Christa Wolf ist nur ein sehr markantes Beispiel dafür – gegen die Weihe-Aura, die um die Literatur verbreitet wurde, keinen Einspruch eingelegt. Viele altehrwürdige Topoi konnten in der altmodischen und von den Erosionsprozessen der Moderne weithin abgeschirmten DDR sehr viel besser überleben als im Westen, auch deswegen, weil das argwöhnische Regime die Literatur durch Zensur, Verbote und Repressalien ja außerordentlich ernst zu nehmen schien. Etwa: der Künstler als unglückliche, als unverstandene Gestalt. Oder: Kultur gegen Macht. Oder: die Kultur als das Reich des Besseren, des Eigentlichen. Oder: Innerlichkeit versus lärmende Öffentlichkeit. Oder: der Künstler als Titan, als Stellvertreter, fast als Christus.

Anders als die Bundesrepublik, die mit der wachsenden Verallgemeinerung des politischen Gewissens der literaturmoralischen Ersatzinstanz immer weniger bedurfte, bot die DDR für den alten Künstlerwahn, der auch im sozialistischen Gewand nur eine halb idealistische, halb romantische deutsche Tradition fortsetzte, fast ideale Voraussetzungen. Gerade weil es in der DDR so eng, so stickig und so miefig zuging, konnte in diesem Biotop, das von den schädigenden Einflüssen einer am Ende noch amerikanisch geprägten Moderne verschont blieb, ein traditionsreiches Mißverständnis weithin ungehindert überleben: das Mißverständnis, der Schreibende in seiner Klause sei irgendwo doch der bessere, der kompetentere, der die Dinge tiefer erfassende Mensch.