Von Alexander Jung

Das hatten die Parlamentarier sicher nicht erwartet: Vor drei Jahren forderte der Bundestag Ärzte und Krankenkassen im Rahmen der Gesundheitsreform auf, den seit 77 Jahren gebräuchlichen Krankenschein zum 1. Januar 1992 auszumustern und eine Versichertenkarte einzuführen. Nun sind seit dem Stichtag drei Monate vergangen, und nichts ist passiert.

Schluß sollte sein mit dem Gekritzel auf den Belegen, das oft nur mühsam zu entziffern ist; mit der Karte könnten künftig Namen und Daten maschinell lesbar auf Formulare übertragen werden. Der Gesetzgeber versprach sich mehr Transparenz bei den Abrechnungen und dazu ein rationalisiertes, somit günstigeres Verfahren.

Doch die Einigungsbereitschaft von Ärzten und Kassen wurde überschätzt. Dabei schien eine Übereinkunft bis zum Herbst vergangenen Jahres greifbar nahe. Zwei Jahre lang stritten die Spitzenverbände der Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in zahllosen Konferenzen und favorisierten schließlich eine Karte mit Magnetstreifen, wie sie im Ausland bereits eingesetzt wird. In Japan zum Beispiel haben achtzig Millionen Versicherte einen maschinenlesbaren Ausweis.

Hersteller von Kartensystemen wie Datacard und Giesecke & Devrient hatten sich in der Zwischenzeit für den deutschen Markt gerüstet und investierten Millionen in die technische Entwicklung. Die Firma systemform, ein Lieferant der Ortskrankenkassen für Krankenscheine, hatte eigens für die Produktion der Magnetkarten eine Fabrik in Oldenburg gekauft. Sie alle hofften auf das große Geschäft, denn immerhin gibt es 77 Millionen Kassenpatienten in Deutschland.

Doch der Eifer war vergebens. Plötzlich gaben die Kassenärzte der Magnetstreifenkarte den Laufpaß. Sie wollten sich bei der Abrechnung nicht auf die Finger schauen lassen und spielten auf Zeit, argwöhnten die Krankenkassen zunächst. Die Ärzte würden zwar vor dem „gläsernen Patienten“ warnen, fürchteten aber vielmehr den „gläsernen Arzt“. Mit Hilfe der maschinenlesbaren Karte kann ohne großen Aufwand ihre Verschreibungspraxis effektiver kontrolliert werden. Bisher war dies kaum möglich angesichts der Berge an benutzten Krankenscheinen in den Kellern der Kassen. So wurde Betrug leichtgemacht. Ärzte können zum Beispiel relativ gefahrlos Untersuchungen berechnen, die sie nie durchgeführt haben.

Dann aber gingen die Ärzte in die Offensive. So überraschend die Absage an den Magnetstreifen war, so unerwartet kam ihr Vorschlag, eine Karte mit einem Speicherchip einzuführen. Eine Magnetkarte wäre aus technischer Sicht eine Sackgasse gewesen, argumentierte die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Wenn schon Karte, dann aber bitte mit der neuesten Technologie.