Von Klaus Harpprecht

Als François Bondy, den man einen natürlichen Europäer nennen darf, Witold Gombrowicz’ Büchern und Stücken den Weg nach Deutschland aufschloß, schien sich der Schweizer Polyhistor von einer dialektischen List der Geschichte lenken zu lassen: der polnische Dramatiker, Romancier und Chronist trug uns aus dem fernen Westen die Erfahrung des Ostens, trug uns zugleich mit der polnischen Prägung seines Werkes den Geist des Westens ins Haus. Über seine geistige Ortung war längst entschieden, als ihn der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zum Exil in Argentinien verurteilte. Hernach war ihm die Rückkehr in die Heimat verwehrt. Fast ein Vierteljahrhundert schlug er sich in Buenos Aires durchs Dasein, ehe er 1963 nach Paris übersiedeln durfte. Sechs Jahre später starb er, ein Mann Mitte der Sechzig.

Sein deutscher Verlag legte nun die Sammlung einiger Skizzen aus den lateinamerikanischen Tagen des Autors vor, die 1977 zum ersten Mal in Frankreich erschien: in der Mehrzahl journalistische Arbeiten, die für die polnischen Programme von "Radio Freies Europa" in München geschrieben, doch wohl niemals gesendet wurden. Warum die Redakteure auf die Verwendung der Stücke verzichteten, erfahren wir freilich nicht. Waren die kleinen Berichte zu beiläufig? Zu feuilletonistisch? Fanden die Verantwortlichen, Argentinien liege zu weit hinter der Welt? Fürchteten sie, die Landsleute hinter dem Zaun – in jenen Jahren (1959 bis 1961) von dringenderen Sorgen heimgesucht – hätten kaum die Geduld aufgebracht, den Plaudereien des Dichters vom Ufer des Rio de la Plata zu lauschen? So mag es gewesen sein.

Die Entscheidung war kein Sakrileg. Man tritt dem großen Autor Gombrowicz nicht zu nahe, wenn mit der gebotenen Klarheit festgestellt wird, daß der Journalismus seinen Talenten kaum entsprach. Die gründliche Schilderung der politischen Verhältnisse verbot der Zustand des Gastlandes. Er war freilich auch kein Reporter. Die Landschaft, in deren Weite sich die Seele so rasch verliert, die brütende Melancholie der Städte, die Härte und Trauer der spanisch-italienisch und indianisch geprägten Gesichter: in diesen Aufzeichnungen teilt sich so gut wie nichts davon mit.

Doch wenn er den Gesprächen der Literaten des Landes zuhört, horchen auch wir auf: "Wer sind wir?" ließ er sie fragen. "Was ist unsere Wirklichkeit? ... Warum sind wir nicht originell? Warum ist Lateinamerika nicht kreativ? Warum haben wir keinen großen Namen, keine Genies, warum müssen wir alles Europa oder den Vereinigten Staaten nachsprechen?" Aber traf das auch zu? Wurden jene Klagen, wenn sie denn jemals ein Recht hatten, unterdessen nicht durch die berstende Produktivität des unglücklichen Sub-Kontinentes widerlegt?

Gombrowicz’ Vergleiche zwischen argentinischen und polnischen Temperamenten genügten, um es behutsam zu sagen, keiner Notwendigkeit. Der Autor hielt sich, man ist dafür dankbar, in der Regel dem faulen Zauber der Völker-Psychologie fern. Dennoch schwatzte er dieses und jenes von "dem Argentinier" und "der Argentinierin": vielleicht dachte er, dies würden die Radiohörer von ihm erwarten? Er schrieb in spanischer Sprache – unter dem Pseudonym Jorge Alejandro – eine kuriose Abhandlung unter dem Titel "Das Drama mit unserer Erotik" (das "mit" geht zu Lasten des Übersetzers), die sich als väterlichvolkstümliche Belehrung über die Schwierigkeiten des Umgangs zwischen Männern und Frauen in den lateinamerikanischen Breiten präsentiert: Mahnung an die Männer, einen "maskulinen Stil" zu entwickeln, der sie ihrer selbst sicherer machen würde, zugleich eine Aufforderung an die Frauen, aus dem Begehren der Männer nicht allzu skrupellos Kapital zu schlagen; schließlich ein Aufruf zur "Reform der Erotik", die voraussetze, daß in den Gymnasien die Knaben über die Psychologie der Frauen, die Mädchen über die der Männer aufgeklärt würden. Das könnte kein Schade sein, weder in Argentinien noch in Polen oder Germanien. Es ist zu vermuten, daß Gombrowicz sein Amt als erotischer Volkspädagoge, das ihm eine Handvoll Pesos einbrachte, mit einem etwas gequälten Lächeln versah.

Lohnte es sich, diese Gelegenheits- und Not-Arbeiten zu übersetzen und für 36 Mark unter die Leute zu bringen? Natürlich finden sich da und dort einige hübsche Beobachtungen – und die indianische Sage vom kleinen Vogel Kolibri darf liebenswürdig genannt werden. Aber warum fühlen sich die Verleger verpflichtet, jede flüchtige Notiz ihrer großen Autoren zu dokumentieren? Wußten wir nicht längst, daß nicht alle bedeutenden Schriftsteller gute Journalisten sein müssen? Ein Joseph Roth gedeiht nicht jeden Tag.