Des Kanzlers Lächeln vor der Presse fiel ungewöhnlich knapp aus. Das lag nicht an dem Gast aus Polen, sondern daran, daß es im Bonner Kabinett schon richtig brodelte. Helmut Kohl hatte gerade ein "ungewöhnlich intensives Gespräch" mit Lech Walesa hinter sich gebracht, und beiden stand noch ein gemeinsames Mittagessen bevor. Zwischen beidem eilte der Kanzler zur Bundespressekonferenz, um den Rücktritt seines Verteidigungsministers bekanntzugeben. Der erste Besuch eines polnischen Präsidenten in diesem Jahrhundert in Deutschland wurde überschattet von der Bonner Innenpolitik. "Breit auf allen Ebenen" sollen die Beziehungen zwischen den beiden Ländern künftig entwickelt werden, so Kohls schnelle Bilanz nach der Begegnung. Lech Walesa blieb gerade noch Zeit für die ermunternden Wörter: "Nur weiter so." Fragen wurden nicht mehr zugelassen.

1989 war Lech Walesa schon einmal nach Bonn gekommen, damals als Vorsitzender von Solidarnosc und Friedensnobelpreisträger. Diesmal kam er als Staatsoberhaupt und "Brückenbauer" zwischen Ost und West. Er sei ein unnormaler Präsident für unnormale Zeiten, hat er nach seiner Wahl 1990 gesagt. Das ist er bis heute geblieben. Besonders in Sachen Protokoll und Etikette.

Eine Episode wird im Gedächtnis haftenbleiben. Lech Walesa übersieht beim militärischen Ehrenempfang im Garten der Villa Hammerschmidt die deutsche Flagge, vor der sich Staatsgäste normalerweise zu verbeugen haben, und hastet danach fast im Dauerlauf an der Bundeswehrformation vorbei. "Irgendwie bringt er zum Ausdruck, daß der Blick in die gemeinsame Zukunft ohne Schaden von alten militärischen Zöpfen befreit werden kann", kommentierte der Bonner General-Anzeiger.

Richard von Weizsäcker über Lech Walesa und dessen Stil: "Er hat eine große Phantasie und Ursprünglichkeit. Ich habe noch keine einzige Sprechblase von ihm gehört. Und auch wenn man mal etwas nicht versteht oder verschiedener Meinung ist, kommt durch die Lebendigkeit des Austausches wirklich etwas Neues heraus."

Die polnischen Journalisten sahen das etwas anders und rollten die Augen, als ihr Präsident öffentlich klagte, er habe in Bonn nicht einmal Zeit zum Händewaschen. Zwischen Manuskript und freier Rede liegen bei ihm Welten.

Und Walesa, daran zweifelt niemand, bevorzugt die zweite Variante: wenn es darum geht, den Anfang einer neuen Epoche der deutsch-polnischen Beziehungen zu beschwören, oder um den skeptisch dreinblickenden Herren der Deutschen Industrie- und Handelskammer klarzumachen, wie wichtig es sei, in Polen zu investieren.

Es klingt fast ein wenig verzweifelt, wie Lech Walesa auch da seine immer wiederkehrende Botschaft verkündet: "Zu viele Worte, zuwenig Taten." Für die Polen ist Lech Walesas Besuch in Deutschland wichtig, für die Bonner, so scheint es, weit weniger.