ARD, Samstag, 28. März: "Mary"

Seit ich Craig Russell im Kino und auf dem Bildschirm sah, halte ich den Mann im Rock für die enormste Leistung der sogenannten Klein- oder Brettl-Kunst (heute sagt man wohl: Ein-Mann-Show). Allerdings hat Russell die Maßstäbe gleich sehr hoch gehängt. Wo immer heute eine Transvestitenshow angekündigt wird, erwarte ich, daß sich ein Typ von der Physiognomie eines Kartoffelsacks in Marilyn Monroe verwandelt.

Das deutsche Fernsehen ist in allem ein paar Nummern weniger verwegen als das US-TV. "Unser" Travestie-Star Georg Preusse sieht so viel besser aus als weiland Craig Russell, ja ist eine so rundum wohlproportionierte Kreation Gottes, daß er wirklich nur Lippenstift und BH braucht, um als "Mary" zu überzeugen. Wo liegt da die Kunst? Im Trippeln? Im Schulternhochziehen? Im Busenhochdrücken? Kaum.

Craig Russell verstand sich darauf, die Leibhaftigkeit der Diven, in die er sich verwandelte, durch knappste Zitate ihrer gestischen Charakteristika heraufzubeschwören, er war Judy Garland mit einem einzigen Augenaufschlag. Georg Preusse macht genau das Gegenteil: Er sammelt alle Stereotypen, die im Fundus des weiblichen Narzißmus lagern, vom Wimpernklimpern bis zum Stöckelklappern, vom Hüftenwackeln bis zum Gurren und Gickern, und kippt das Zeug seinem Publikum wie einen Haufen benutzter Dessous über die Köpfe. Auch wenn er als Schulgör in Lillis Talkshow den Rocksaum hochrollt und einem bedauernswerten "Gast" auf den Schoß hopst, wird daraus Kleinmädchenhaftigkeit in Übergröße, mit konzentrierter Puppenlustigkeit glasiert. Es ist immer zuviel und erzeugt deshalb unweigerlich einen "Rette sich, wer kann"-Impuls.

In der Travestie hängt, glaube ich, alles von der Dosierung ab. Bekanntlich ist keine Femme je so fatal wie ein Transvestit. Was er der Veit beweist, ist, daß Weiblichkeit machbar und der Sex-Appeal der Sirene ein Kunstprodukt sein kann. So ganz ohne Veräppelung kommt die Weiblichkeit dabei nicht weg: Wenn auch ein Kerl es bringt, so er sich nur richtig ausstaffiert, ist die hohe Schule der Verführung nichts als Theater und der Hüftschwung der Sexy Hexy nur mehr ein Trick.

Wie der Spott auf das parodierte Geschlecht dosiert ist davon hängt ab, ob sich in die Bloßstellung gar noch ein Stück Anbetung irischen kann oder ob die Darbietung in Denunziation umschlägt. Preusses "Mary" ist hart an der Grenze. Was dieses Superweib an Superweiblichkeit selbstverliebt absondert, läßt einem ob all der Lockenprachten, der Schmachtblicke und des Lippengloss schwummrig werden. Bleibt die Conference. Preusse zeigt ja nicht nur Weib, er quatscht auch so. Wie oder was sind Frauen? Redselig, lasziv, bescheuert und klatschsüchtig, und das alles zur Potenz wenn von Preusse dargeboten. Der Mann ist irgendwie nicht ohne, und er ist als Weib flamboyant, aber er ersäuft sein Talent in den Klischees von vorgestern. "Bei meinem letzten Freund hab’ ich zwei Wochen lang geglaubt, daß der dauernd gähnt, dabei hat er nur versucht, zu Wort zu kommen."

Vielleicht hat "Mary" sich doch nicht getäuscht. Was er/sie braucht, ist ein Regisseur, der ihm/ihr abgewöhnt, sich über die eigenen Sparvitze schlappzulachen Und ein Texter von der Klasse seines/ihres Arsches. Barbara Sichtermann