Die Entscheidung fiel im Allerheiligsten der Falken, im geheimen Museum des geheimen Atombombenforschungsstädtchens Arzamas 16. Wiktor Nikitowitsch Michailow, stellvertretender Atomenergieminister der UdSSR, führte den Präsidenten Rußlands stolz und sachkundig durch die Geschichte der sowjetischen Atomrüstung. Das fiel ihm leicht. Michailow, der die Exponate in dem kleinen Landhäuschen, die sonst noch keinem Außenstehenden gezeigt worden sind, So eloquent erklärte, ist selbst ein Teil dieser Geschichte. Seit 1958 arbeitete er an der Entwicklung und Produktion von Atomsprengköpfen. Boris Jelzin war von seinem Museumsführer tief beeindruckt. „Wiktor Nikitowitsch Michailow“, befand er, „wird Minister.“

Die einsame Entscheidung in der verbotenen Zone schockte Parlamentskommissionen und Präsidentenapparat in Moskau. Ende Januar noch hatte sich Jelzins zuständiger Staatssekretär Burbulis gemeinsam mit Parlamentspräsident Chasbulatow, den Spitzen der Russischen Akademie der Wissenschaften, dem renommierten Kurtschatow-Institut und einer ganzen Reihe anderer Organisationen gegen Michailow als Minister ausgesprochen und als Alternativkandidaten den zivil gesonnenen Atomfachmann Jegorow vorgeschlagen. Mit der Ausarbeitung eines Jelzin-Dekrets zur Fortsetzung der Atombombentests „in der Größenordnung von zwei bis vier Explosionen pro Jahr“ schien sich Michailow überdies selbst aus dem Rennen geworfen zu haben. Aber Jelzin unterschrieb das Dekret Nr. 194 am 27. Februar 1992 mit einer Einschränkung: „falls das Test-Moratorium aufgehoben werden sollte“.

Dank der Berufung Michailows ist der militärisch-industrielle Komplex bisher der Spaltung in Zivil- und Militärsektor entgangen, die gesamte Atomnomenklatura weiterhin auf dem Posten. Und sie verfolgt die alten Ziele.

Zum Beispiel das Projekt „Tschetek“: „... ein Sonderexperiment zur Vernichtung von 1000 Tonnen chemischer Waffen und 2000 Tonnen toxischer Chemikalien aus Industrieabfällen durch eine Explosion in einer Gesamtstärke von nicht weniger als 35 Kilotonnen im Jahre 1992“, wie die atomare Müllverbrennung in einem Vorschlag an den letzten Präsidenten der UdSSR, Michail Gorbatschow, beschrieben wurde. Die Projektarbeit leistete damals W. N. Michailow.

Um einen Posten abgerutscht ist nur der sowjetische Atomenergieminister Witalij F. Konowalow. Zur Zeit des Augustputsches hatte er sich zu weit vorgewagt und disziplinfördernde Maßnahmen für seinen Ministeriumsbereich mit über einer Million Mitarbeitern angeordnet. Heute ist er erster Stellvertreter Michailows und Präsident des neuformierten Sredmasch-Konzerns. Dank der schnellen Umwandlung in einen Konzern ist das ehemalige Staatsunternehmen immer noch größter Waffenproduzent Rußlands mit Niederlassungen in den anderen GUS-Republiken. Die Rochade ist gelungen, Konowalows Machtfülle noch gewachsen, zumal auch alle anderen Stellvertreter des Atomministers weiterhin fest in ihren Positionen sitzen. Nur einer der zehn Vizeminister mußte gehen – im Dienste der Sache. Erik Posdischew wechselte an die Spitze des Ende Februar entstandenen Konzerns Gosatomenergo. Das Unternehmen umfaßt den gesamten Atomenergiebereich mit allen zivil genutzten Reaktoren der Ex-UdSSR, einschließlich des litauischen Atomkraftwerks von Ignalina. Auch der AKW-Park von Sosnowi Bor wird von Gosatomenergo kommerziell betrieben. Fünfzehn Prozent der Stromproduktion werden nach Finnland verkauft.

Die Entscheidung des neuen Atomenergieministers, den RBMK-Störfall-Reaktor von Sosnowi Bor nicht abzuschalten, hätte gar nicht anders ausfallen können.

Gisbert Mrozek