Für die wirtschaftliche Erholung des geschundenen Landes fehlen fast alle Voraussetzungen

Von Frank-Dieter Freiling Kambodscha

Unter dem hohen Dach der Markthallen im Zentrum Phnom Penhs herrscht geschäftiges Treiben. Trotz der schwülen Mittagshitze drängen sich Menschentrauben durch die schmalen Gänge entlang der Stände voller getrocknetem Fisch, fliegenumschwärmtem, rohem Hühnerfleisch, Gewürzen und kleinen Bergen von Obst und Blumen. In anderen Reihen stapeln sich Fahrradersatzteile, Reifenfelgen und Armaturen bis zur Decke. Doch die Vielfalt an technischem Gerät täuscht. Fast alles ist gebraucht, wird wieder und wieder benutzt, da neuwertiges Zubehör für die meisten Kambodschaner unbezahlbar ist. Nach fast zwanzig Jahren Kriegs- und Ausnahmezustand befindet sich das Land auf einem wirtschaftlichen Tiefpunkt, zählt Kambodscha zu den allerärmsten Ländern dieser Erde.

Vor den Markthallen beherrscht eine Tausendschaft von Fahrrädern, dreirädrigen, pedalgetriebenen Taxen und schwarz über die thailändische Grenze oder aus Vietnam eingeführten Mopeds das Straßenbild. Kraftfahrzeuge gibt es kaum. Die wenigen Laster auf den breiten, staubigen Avenuen der Kolonialzeit gehören meist der Armee, die gepanzerten Transporter zur Vorausgruppe der UN-Truppen, die ab Mai den friedlichen Übergang des Landes zu einer Demokratie überwachen sollen.

Die hohen Mauern der Palastanlagen am Ufer des Tonle Sap, eines Seitenarms des Mekong, strahlen frischgestrichen in hellem Gelb. Ein riesiges Jugendbild des Ende November im Triumphzug nach Phnom Penh zurückgekehrten siebzigjährigen Exmonarchen Sihanouk schmückt das Haupttor der Anlage. Hastig waren damals der verödete Palast instandgesetzt, Möbel und Vorhänge aus Thailand eingeflogen worden, um dem provisorischen Staatsoberhaupt und Vorsitzenden des Obersten Nationalrates die Rückkehr in seinen alten Palast zu ermöglichen. Er hatte ihn nach vierjährigem Hausarrest unter den Khmer Rouge zuletzt 1979 übereilt vor den heranrückenden Vietnamesen verlassen müssen, um sich mit einem chinesischen Flugzeug nach Peking abzusetzen. Doch die noch nicht renovierten Hinterhäuser der großflächigen Palast- und Tempelanlage mit ihren verbrannten Fassaden und verfallenen Decken passen eher in das Bild der verwahrlosten einstigen Kolonialvillen, gebrandschatzten Klosteranlagen und verwohnten Häuserblocks. Zwischen den schlichten Ministerialgebäuden drängen sich lange Hüttenreihen aus Holz und Wellblech, vor denen Kinder und alte Frauen Zigaretten und Benzin in Literflaschen anbieten.

Dreizehn Jahre nach Ende des Regimes der Khmer Rouge unter Pol Pot ist Kambodscha noch immer schwer gezeichnet von den Spuren des „Steinzeitkommunismus“, dem das Land vier Jahre lang unterworfen war. 1975, nach dem Sieg der Khmer Rouge über die Truppen des proamerikanischen Regierungschefs Lon Nol und dem hastigen Rückzug der Amerikaner aus der Region, wurde das Land zum kommunistischen Staat „Demokratisches Kampuchea“ umgewandelt. Die Bewohner der damaligen Dreimillionenstadt Phnom Penh wurden über Nacht ausgesiedelt, die Stadt gebrandschatzt und dem Wildwuchs überlassen. Nicht nur das Privateigentum, sondern auch Geld und Märkte wurden abgeschafft, die Nationalbank gesprengt. Mindestens eine Million, manche vermuten gar drei von sieben Millionen Kambodschanern überlebten den Terror und die Massaker auf den „Killing Fields“ nicht, darunter fast alle Ärzte, Händler, Beamte, Lehrer und Intellektuellen des Landes. Nur zwanzig Prozent der einst 25 000 Lehrer überlebten. Eine Analphabetenrate von heute fünfzig Prozent ist die unmittelbare Folge. Auf jeden überlebenden Doktor kommen derzeit 27 000 Kambodschaner, das Zehnfache der Rate von Vietnam und fast das Hundertfache der deutschen Relation.

Auch während der Besetzung Kambodschas durch die Vietnamesen verbesserte sich die wirtschaftliche Lage aufgrund des fortdauernden, fast zwölf Jahre währenden Bürgerkrieges kaum. Immer noch halten die vier Bürgerkriegsparteien neben der mit vietnamesischer Hilfe eingesetzter. Regierung Hun Sen die von Peking unterstützter, und ausgerüsteten Khmer Rouge, die royalistische Nationalarmee Sihanouks und die republikanische Nationale Volksbefreiungsfront, in ihren Armeen über zweihunderttausend Mann unter Waffen, Dazu kommen eine weitere Viertelmillion Mann, die in paramilitärischen Einheiten organisier, sind.