Trotz wachsender Kritik hält die Bundesregierung an dem Milliardenprojekt Jäger 90 fest

Von Karl-Heinz Büschemann

Die Halle ist keineswegs von beeindruckendem Ausmaß, und das halbfertige Flugzeug darin wirkt mit seinen sechzehn Metern Länge recht bescheiden. Gewaltig ist nur die Menge von armdicken Kabelbündeln und Schläuchen, die überall aus der Pilotenkabine und den Tragflächen des Deltaflüglers herausquellen und dem Laien einen Einduck völliger Wirrnis vermitteln. Kaum vorstellbar, daß dieses Ding, in dessen Kanzel noch alles fehlt, was ein Cockpit ausmacht, im Herbst erstmals fliegen soll. Und angesichts der paar Techniker, die bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) in München konzentriert an dem Flugzeug herumschrauben, ist kaum zu glauben, daß ausgerechnet dieser kleine gelb-grüne Flieger das größte Rüstungsprojekt der bundesrepublikanischen Geschichte sein soll.

Schon vor dem Start dieses ersten Prototypen des offiziell European Fighter Aircraft (Efa) und inoffiziell Jäger 90 genannten Kampfflugzeuges sorgt der Jet mit den zwei Triebwerken für gewaltiges politisches Getöse. Weil die Bundesregierung in den kommenden Monaten entscheiden muß, ob sie für die Bundeswehr das Flugzeug anschaffen will, das die Daimler-Tochtergesellschaft MBB gemeinsam mit Industriepartnern in Großbritannien, Spanien und Italien entwickelt hat, wird in Bonn gestritten wie selten zuvor.

Das liegt nicht nur daran, daß der Jagdflieger, der bei der Luftwaffe die veralteten Phantom-Flugzeuge ablösen soll, für die Bundesrepublik eine große Finanzlast ist. Immerhin wird dieser Einsitzer die Steuerzahler nach den offiziellen Bonner Zahlen 21 Milliarden Mark und nach Meinung der SPD-Opposition sogar hundert Milliarden Mark kosten. Seit 1984, als die ersten Pläne für das Projekt geschmiedet wurden, hat sich auch noch die politische Lage entscheidend verändert. Nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und dem Ende des Kalten Krieges ist nun selbst für so manchen Politiker der Regierungskoalition nicht mehr einzusehen, warum noch an einem Flieger festgehalten werden soll, der für den Kampf gegen den Osten konzipiert wurde und an dessen Konzepten es nach dem Untergang der Sowjetunion keine grundsätzlichen Änderungen gab. Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion Johannes Nitsch macht deutlich, wo er die politischen Prioritäten sieht: „Der Jäger 90 ist militärisch nicht notwendig. Die Milliarden für dieses Projekt sollten für die Lösung sozialer Probleme und als Hilfe für die osteuropäischen Länder eingesetzt werden“, schlägt der Dresdner Politiker vor. Auch die FDP-Spitze hat sich bereits gegen das Milliardenprojekt ausgesprochen.

Protest der Lobbyisten

Die Zeit drängt. Soll – wie mit den drei Partnerländern vereinbart – die Serienproduktion im kommenden Jahr beginnen, müßten die Gelder dafür im Herbst in die Haushaltsplanungen geschrieben werden. Eine Entscheidung muß demnach noch im Sommer fallen.