Um das Thema Aids ist es bei uns bemerkenswert still geworden. Nicht etwa, weil die Immunschwächeseuche durch eine Impfung gestoppt oder ihre Ausbreitung durch Chemotherapie zumindest kontrolliert werden könnte. Der Hauptgrund für das nachlassende Interesse an dieser Jahrhundertkrankheit ist, daß wir „etwas besser weggekommen sind, als einige von uns befürchtet haben“, erklärte Ende März auf dem 4. Deutschen Aids-Kongreß in Wiesbaden der Münchner Epidemiologe Falkner von Sonnenburg.

Manche Medien, die damals vehement zur Beunruhigung der Öffentlichkeit beigetragen haben, wiegeln jetzt ab, weil der Anstieg der HI-Virusinfektionen sich bei uns etwas verlangsamt hat. Leider gilt dies jedoch nicht für Asien und Afrika. Nach den Erkenntnissen des Aids-Zentrums im Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA) haben sich hierzulande nicht Hunderttausende infiziert, wie einst befürchtet, sondern bis zum 1. Januar 1992 „nur“ knapp 50 000.

Die fast vollständige Verdrängung der HIV-Infektion aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit und die damit einhergehende Testmüdigkeit kann gerade für die unerkannt Infizierten – und das sind nicht nur die durch ihren Lebensstil besonders Gefährdeten – folgenschwer sein. Wird nämlich der HIV-Test zu spät vorgenommen, also nicht sofort beim ersten Verdacht auf eine Infektion, dann geht wertvolle Zeit für eine mögliche Therapie verloren. Die bringt zwar mit AZT, dem bislang einzigen zugänglichen und wirksamen Medikament keine Heilung, wohl aber eine Verlängerung der Lebensspanne. Und gleich wichtig ist, daß die heutige vorbeugende Therapie auch die Lebensqualität verbessert durch Eindämmung der quälenden opportunistischen Infektionen, wie beispielsweise die Lungenentzündung Pneumocystis carinii.

„Wir sind abgehängt“

Das bei uns oft beobachtete Schweigen über HIV und Aids hat noch andere Folgen, die sich zumindest mittelbar nachteilig für die Patienten auswirken können. So verhallte kürzlich ein Spendenaufruf der Bonner Gesundheitsministerin fast ohne Echo. Hinzu kommt der Rückgang notwendiger Mittel für die seriöse Aids-Forschung. Auch für wichtige Forschungsprojekte, vornehmlich für Therapiestudien, fehlt das Geld. Und die Pharmaindustrie zeigt deutschen Aids-Klinikern zusehends die kalte Schulter.

Unsere Aids-Kliniker hätten das Nachsehen, klagte der Hamburger Experte Manfred Dietrich auf dem Wiesbadener Kongreß: „Wir sind abgehängt. Gelegentlich dürfen wir uns an Protokollen für Therapiestudien, die von Amerikanern, Franzosen oder Engländern entworfen werden, noch beteiligen.“ So konnte sich beispielsweise Franz-Dieter Goebel von der Münchner Universitätsklinik in eine von Franzosen und Engländern aufgelegte Studie namens Concorde noch „gerade hineindrängen“, wie Goebel selbst in Wiesbaden berichtete. Die Teilnahme seiner Patienten an diesem Therapieversuch verdanke er der Tatsache, daß es bei uns viele noch nicht mit AZT behandelte Infizierte gibt. In Deutschland ist die Zahl HIV-positiver Patienten, die sich mit diesem Medikament aus Angst vor möglichen Nebenwirkungen nicht behandeln lassen, besonders groß.

So kommt es, daß manche deutsche Aids-Experten im Ausland nicht viel gelten. Das ist besonders ärgerlich und einem globalen Behandlungsfortschritt abträglich, weil in Deutschland die langdauernde und umfassende Verlaufskontrolle der behandelten Seropositiven viel besser als etwa in den Vereinigten Staaten organisiert ist.