Von Otto Kallscheuer

Eine starke These, eine verkürzte Story, ein fast kompletter Indizienbeweis. Doch es ist wie beim Mord im Orientexpress: Es gibt zwar ein Debakel (die Unfähigkeit der modernen Rationalität, mit ihren eigenen Schattenseiten fertig zu werden), aber es gibt ihn nicht, den einen Schuldigen. Was wir Moderne nennen, ist ein Syndrom: die Stabilitätsbedürfnisse der europäischen Nationalstaaten in den letzten 400 Jahren – und die Beweisverfahren der wissenschaftlichen Vernunft. Im Kontext ergeben sie das Baugerüst des Rationalismus.

Alle haben sie mitgestrickt an den "Illusionen des Fortschritts" (Georges Sorel), respektable und staatsfromme Eliten und Wissenschaftsakademien, stabilitäts- und machtbewußte Politiker, nach Wahrheit und Gewißheit dürstende Denker – und die Angst vor dem Chaos, die heute noch unsere Vernunft bestimmt.

Wieder so ein amerikanisches Buch, das Eulen nach Athen trägt: Als ob es der europäischen Philosophie Ende des Jahrtausends an skeptischen und (selbst-)kritischen Versuchen über "die Moderne" ermangelte! So oder ähnlich könnte das akademische Verdikt über Stephen Toulmins "Kosmopolis" lauten, Untertitel: "Die unerkannten Aufgaben der Moderne".

Doch Toulmins Buch ist zweierlei: erstens ein spannender Krimi, also eine Fingerübung in Kombinationskunst und detektivischer Entdeckerfreude, zweitens: ein programmatischer Versuch, sich in die aktuelle, längst heillos unübersichtliche philosophische Debatte mit einer querliegenden These einzuschalten.

Und so fällt es nicht schwer, fast alle Themen und Thesen, die in diesem "Essay" des aus der Naturwissenschaft kommenden angloamerikanischen Philosophen mit viel Goodwill und oft prophetischer Verve vorgebracht werden, im gängigen diskursiven Kontext zu verorten. Man denke nur an die seit Thomas S. Kuhn und Imre Lakatos auch über den Kreis der reinen Naturwissenschaftshistoriker hinaus bekannte Debatte über das Verhältnis von "interner" (sprich: rein kognitiver) und "externer" (soziologischer, kultureller) Wissenschaftsgeschichte, zu der übrigens Toulmin mit "Kritik der kollektiven Vernunft" (Suhrkamp 1978) selbst einen der gewichtigsten Beiträge vorgelegt hat. Dessen Lehren weitet er in "Kosmopolis" nun auf den philosophischen Diskurs der Moderne aus.

Aber genug der Referenzen – zunächst einmal ist Toulmins Buch ein spannendes Geschichtsbuch. Es erzählt eine andere Version vom Anfang und Ende der klassischen Moderne. Seine Moral von der Geschicht’ lautet: Der neuzeitliche Versuch, die Stabilität von Wissenschaft und Gesellschaft ausschließlich auf eine "reine" Verfahrensvernunft zu gründen, war überzogen, Kehren wir darum heute – nach einem Jahrhundert zweier Weltkriege – von der militanten Moderne zur ökologischeren, bescheideneren, pragmatischeren und toleranteren "Vernünftigkeit" des Renaissance-Humanismus zurück. Denn der Entschluß zu reiner Vernunft, also der Versuch, Prinzipien und Regeln von Rationalität von jedem Interessen-, Zeit-, Leidenschafts- und traditionsbezogenen Kontext freizumachen, war selbst eine dramatische Entscheidung vor einem bestimmten Kontext.