Von Ulrich Horstmann

Wenn Himmelskörper so stehen, daß sie von der Erde aus mit vertretbarem Treibstoffeinsatz erreichbar werden, spricht man in der Raumfahrt von einem Startfenster. Das Startfenster zum Saturn, dem Planeten der Schwermütigen, stand geistesgeschichtlich in der Renaissance, während des Dreißigjährigen Krieges, später in den "Nachtwachen" einer schwarzen Romantik weit offen. Und es sieht so aus, als ob die Abschiedsstimmung der Postmoderne uns erneut in eine solche privilegierte Position manövriert hätte. Seit Günter Grass’ Dürer-Variationen im "Tagebuch einer Schnecke" ist jedenfalls kaum ein Jahr ohne melancholischen Countdown verstrichen. Zwei nahezu synchron erschienene Burton-Übersetzungen und die Neuauflage der im doppelten Wortsinn erschöpfenden Melancholiestudie von Klibansky, Panofsky und Saxl sind zu verzeichnen; Anthologien von Ludwig Völker, von Jost Schiigen, von Joachim Hohmann kamen auf den Markt; Dieter Lenzen ließ vom "Umgang mit kulturellen Verlusten" handeln, und Pascal Bruckner diagnostizierte nach dem Ende des Kalten Krieges "Demokratische Melancholie".

In diese Reihe der Annäherungsversuche an eine nicht länger mit seelischen Störungen oder falschem Bewußtsein verwechselte Gemütslage gehört auch Volker Friedrichs "Melancholie als Haltung", wobei Saturn dieses Mal mit einem ausgesprochenen Schnellschuß anvisiert wird. Wie der Autor mit erfrischender Offenheit eingesteht, hatte er gerade ein Vierteljahr Zeit, um eine sechsteilige Rundfunkserie umzuarbeiten. Der Leser tut somit gut daran, sich auf Wiederholungen, ausufernde Paraphrasen und stilistische Zündaussetzer gefaßt zu machen. Trotz solcher Strapazen aber lohnt die Lesereise, denn Friedrich entdeckt auf dem Planeten der Umwölkten etwas ganz Unvermutetes: illusionslose und heitere Gelassenheit.

Entsprechend schlurft der Verfasser weder gesenkten Hauptes der Erkenntnis entgegen, daß alles eitel sei, noch nistet zwischen den Zeilen eine der Irrläuferin Weltgeschichte hinterherjammernde Larmoyanz. Vielmehr nutzt hier jemand den Moment des melancholischen Aufschreckens, in dem der feste Boden der Routinen unter den Füßen nachgibt und "wir unvermittelt aus dem Sog unserer Handlungen fallen, den roten Faden, der sie durchzieht, verlieren, verdutzt anhalten wie einer, der aus einem Traum gerissen wird, und uns fragen: Was war denn eigentlich? Oder: Warum tue ich das eigentlich?" Er nutzt ihn, um die Welt, die einen vorher so anheimelnd umfing, in den distanzierenden und unverwandten Blick zu nehmen und damit zum wiederholten Mal den Beweis dafür anzutreten, daß Melancholie nichts mit Trübsinn, dafür aber sehr viel mit Klarsicht zu tun hat.

Diese Offenäugigkeit hält sich mit – notorisch unzulänglichen – Definitionen nicht lange auf. Lieber wendet sie sich nach einer knappen Vorverständigung über das Gemeinte der Symbolik der Melancholie und den visuellen Medien zu, in denen sie nicht erst seit Dürers berühmten Stich mit Vorliebe Gestalt annimmt. Manches Neue und Anregende über die Affinität von Schwermut, Photographie und Film ist in dieser Sektion zu finden, wobei längere argumentative Einstellungen wünschenswert gewesen wären und der Leser sich über die Prägnanz des Abspanns auch andernorts gefreut hätte: "Das Kino wird zum Ort der melancholischen Gewißheit, daß nichts gewiß ist, am wenigsten die Realität außerhalb des schwarzen Saals, durch den diffuse Lichtstrahlen flirren, um sich auf ihrer Zielfläche, der Leinwand, wie durch Zauberhand zu Bildern zusammenzufügen und Geschichten zu erzählen."

Es folgen Kapitel über die traditionellen Ansprachen der Melancholie etwa als Weltschmerz, seelische Erkrankung oder Ausweis und Preis hoher künstlerischer Begabung. Alle diese seit der Antike nachweisbaren Deutungsmuster leben fort und sind deshalb keineswegs nur von historischem Interesse. Allerdings fällt auf, daß bei Friedrich wie über weite Strecken der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit dem schwarzgalligen Naturell der therapeutische Impuls verschwunden ist, der zwei Jahrtausende lang mit Roßkuren und übler Nachrede das Bewußtsein des Verschwindens zum Verschwinden bringen wollte. Friedrich schreibt mit anderen Worten als Apologet der Ent-Täuschten und ergreift gegen die alten und neuen Heilande Partei, die Schwermut zur Depression vermedizinieren, als emanzipatorische Verstocktheit wegpolitisieren oder mit anderen Formen elitären Dünkels in einen Topf werfen möchten. Daß dieser Satz auch vom Bösen und vom Verbrechen gilt, macht den Detektiv nach Friedrich zur vielleicht zeitgemäßesten, aber auch am besten getarnten Inkarnation des Typus – zumindest zwischen Buchdeckeln und vor Filmkameras. "Er klärt zwar, wenn er seine Aufgabe erfüllt, ein Verbrechen auf, weiß aber, daß er letztlich dessen Wurzeln nicht beseitigt. Er ist melancholisch ob der Unwirksamkeit seines Handelns." Die chronisch melancholiefeindliche Aufklärung wollte alle Düsternis mit dem Glorienschein der menschlichen Vernunft vertreiben. Der schwermütige metaphysische Detektiv aber ist am Ziel seiner Wünsche, wenn ihm die Wahrheit dämmert, denn – soviel immerhin hat er in den Jahrhunderten über sie herausgefunden – nur als zwielichtige halten wir sie aus. Die selbstherrliche Ratio ist in unserem Jahrhundert von ihren eigenen strahlenden Errungenschaften arg versengt worden. Vom Alleskönner hat sie sich in ein gebranntes Kind zurückverwandelt. Wie man zugeben wird, eine bemerkenswerte Verjüngung. Die so endlich über sich selbst aufgeklärte Aufklärung, argumentiert Friedrich, entdeckt die Ohnmacht, die Gelassenheit, die Selbstironie neu. Und die Melancholie, den Mut zur Schwere, der uns aufrechthält. Es besteht also kein Grund, den Kopf zu verlieren. Im Gegenteil, das Schlimmste liegt vorerst hinter uns, denn die Sonne des Heils blendet uns nicht mehr. Saturn ist aufgegangen.

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