Von Günther Nenning

Die letzte Geschichte des Bandes, "Finale", zeigt Doderer, zwanzigjährig, schon im Vollbesitz seiner Hexenmeisterschaft. Er führt den Schüler René Stangeier vor, Held noch nicht geschriebener Romane und Ebenbild des Autors. Stangeier ist Transzendental-Dandy wie Doderer, ständig beschäftigt mit dem Mythos vom Leben und Sterben des Österreichers als Alleinrepräsentant des Menschengeschlechtes und Monopolist des Lebenssinnes.

Stangeler/Doderer, beide natürlich "von" (der Mensch beginnt erst beim Baron), befindet sich in der Geschichte eine halbe Stunde nach der Matura – Reifeprüfung, Abitur (verdammt, nie wird euch Deutschen begreiflich zu machen sein, was in Österreich Brauch ist). René Stangeier geht rudern im Wiener Prater. Auf dem Heustadlwasser mietet er ein Boot. Und schon hat der Österreicher dieses herrliche Gefühl, "doderesk" heißt man es neuerdings, des gänzlichen Daheimseins.

Der Kahn, den der junge Baron Stangeier mietet, "war grün und rot, in frischen Farben gestrichen und hieß ‚Hertha‘. Stangeier stieg ein. Der Verleiher machte den Kahn geringschätzig los. Dann drückte er ihn kräftig aus der Reihe ins offene Wasser. Die schlanken, ehrgeizigen Schnellboote, auf denen Stangeier sonst fuhr, glitten durch den Abstoß immer bis über die Mitte des Wasserarmes hinaus. ‚Hertha‘ blieb zwei Meter vom Landesteg schon liegen, etwas eigensinnig und gemütlich schwankend, als wollte sie gleich wieder einschlafen."

Ja, aus solchen innerösterreichischen Angelegenheiten werdet ihr Deutschen mit Recht draußengehalten. Ihr habt, unberechtigt einen Doderer-Text lesend, ein starkes Gefühl des Verlustes. Nie werdet ihr auf diese Weise Heimat haben.

Möget ihr uns immerhin anschließen – ausgeschlossen bleibt ihr von der mikroskopischen Genauigkeit, mit der das Leben erschmeckt und erschrieben werden muß.

Thomas Mann und aller Rest der klassischen modernen Literatur der Deutschen – sätzedrechselnde Schöngeister sind’s, verglichen mit der lebensanalogen Präzision unseres Doderer. Die modernen Autoren gehen aus auf Verblüffung über die Fremdheit der Welt, Doderer aber auf Beschreibung der Heimat.