Sergej Slesarenko gefiel gar nicht, was er sah. Der Routineblick auf den Hauptcomputerschirm, der rötlich mitten auf der alugrauen Wand des Kontrollraums leuchtete, sagte dem Chefingenieur, daß die Temperatur in Reaktor 1 des Kernkraftwerks Ignalina rasch stieg.

Die gewaltigen Pumpen führten den 24 Meter langen Brennstäben offenbar nicht genug Kühlwasser zu. In Kürze schon konnten einige von ihnen zerstört sein – möglicher Beginn einer nuklearen Katastrophe. Der 32 Jahre alte Ingenieur sah sich an jenem Abend Mitte Januar dieses Jahres einem neuen Tschernobyl gegenüber, diesmal in Litauen.

Die Entscheidung war heikel. Alle übrigen Indikatoren meldeten einen normalen Reaktorzustand, die automatische Notabschaltung blieb aus. Eine Abschaltung von Hand, so wußte der Ingenieur, würde das Kraftwerk Millionen von Rubeln kosten. Und sie brächte die Familie um den Vierteljahresbonus, der nie dringender nötig war als jetzt, da die Preise täglich stiegen.

Fieberhaft durchdachte Slesarenko alle Möglichkeiten. Schließlich ließ er den Reaktor laufen und rief ein neues Programm auf, mit dem sich Software-Fehler feststellen ließen – das konnte zwei Stunden dauern. In dieser Zeit riskierte er, den Reaktor praktisch halbblind zu steuern. Er spielte va banque und gewann. Doch ehe Slesarenkos Schicht zu Ende war, tauchte das gleiche Problem von neuem auf. Und dann wieder, immer wieder.

Die Computerleute brauchten eine Woche, um herauszubekommen, was los war: Sabotage. Ein Angestellter des Rechenzentrums hatte ein Virus in das Steuerprogramm der Reaktoren eingeschleust. Der Mann, so stellte sich später heraus, wollte vom Kraftwerk ein Extrahonorar für die Reparatur des von ihm verursachten Schadens verlangen.

Acht Wochen später und 500 Kilometer nordostwärts vom litauischen Ignalina hätte ein Slesarenko-Hasard, wie er in den Steuerzentralen baltischer, russischer und ukrainischer Atomkraftwerke an der Tagesordnung scheint, tatsächlich ein neues Tschernobyl bedeutet. Gott sei Dank glaubten die Ingenieure im Kontrollraum von Sosnowi Bor nicht an einen Software-Fehler, als am Dienstag vergangener Woche um 00.37 Uhr mitteleuropäischer Zeit das Notfallsystem den Block III des Leninskaja-Atomkraftkomplexes abschaltete. Wenigstens eine der 1600 Druckröhren in dem graphitmoderierten Reaktorkern war geplatzt und hatte große Mengen heißen Dampfes in das Reaktorgebäude entlassen, radioaktives Jod und Edelgase gelangten durch die Abluftfilter ins Freie.

Beim Morgengrauen herrschte in den Meßstationen ganz Europas Alarmstufe 1. In den finnischen Hafenstädten Lovisa und Kotka registrierten sie radioaktives Jod und Cäsium. Schweden und Deutschland meldeten: Alles normal. Noch vor Mittag signalisierte das russische Atomenergieministerium per Telefax-Brief – Urgent! – einen Störfall der Klasse 3 an die Wiener Atomenergie-Organisation IAEO. Meßwerte folgten: Zum Zeitpunkt des Unglücks kam das Strahlungsleck auf 6000 Curie pro Tag, zwei Stunden später auf 3000 Curie, um acht Uhr früh auf 800 Curie und um 14.30 Uhr noch auf 319 Curie – Entwarnung.