Fons Sapientiae kann trotz seines lateinischen Namens eine gewisse Verwandtschaft mit Frankenstein nicht leugnen. Der bronzene Gnom blickt zwar gelehrt in ein aufgeschlagenes Buch und kippt aus einem Becher verflüssigtes Wissen in sein Hirn, doch die eingefallenen Backen, die schwarzen Augenhöhlen und der Schädel, der aussieht, als habe eine Dampfwalze die Haarpflege besorgt, könnte bei empfindsamen Kindern Alpträume verursachen. Fonske, wie die Leuvener kumpelhaft diese die Quelle der Weisheit symbolisierende Skulptur nennen, hat wenig Ähnlichkeit mit den steinernen Bibelgestalten, Bischöfen, Grafen und Gelehrten, die die 281 Nischen des Rathauses bevölkern. Wie eine schlanke, stolze Fregatte ragt das zwischen 1447 und 1465 errichtete Prunkstück Brabanter Spätgotik in den flämischen Himmel. Die grazilen Türmchen, schmalbogigen Fenster und verschnörkelten Balustraden wirken zart und zerbrechlich wie eine Spitzenklöppelarbeit.

Als die traditionsreiche Katholische Universität Leuven 1975 ihr 550jähriges Jubiläum feierte, schenkte sie Fonske der Stadt. Weil die ungehobelte Figur nicht so recht in die unmittelbare Nähe des schmucken Rathauses paßte, verbannten die Stadtoberen sie verschämt auf eine benachbarte Verkehrsinsel. Auch andere Denkmäler in Leuven, die größtenteils von der Alma Mater oder deren Mäzenen gestiftet wurden, sind von burschikoser studentischer Keckheit geprägt.

Am Alten Markt, dessen Kneipen fest in Kommilitonenhand sind, räkelt sich auf einer Bank die kotmadam (Kot = Unterkunft), die Vermieterin von Studentenbuden. Sie ist von jenem lasziven und frivolen Typus, wie ihn um die sittliche Standfestigkeit ihrer Zöglinge besorgte Eltern kaum begrüßen würden. Ihr Dekolleté ist verrutscht, die Beine sind unziemlich gespreizt, die Kaffeekanne hängt an der Hand des liederlich ausgestreckten Armes, der entrückte Blick läßt auf eine durchzechte Nacht schließen.

Mag Leuvens Chronik auch festhalten, einst seien Techtelmechtel zwischen Studierenden und ihren Wirtinnen, oder deren Töchtern, keine Seltenheit gewesen, so freizügig wie die Bronzefigur am Alten Markt gebärden die kotmadams sich wohl kaum. „Im Stadtkern gibt es nur wenige Häuser, in denen keine Studenten wohnen“, sagt die Frau eines Dozenten, um hämisch hinzuzufügen: „Manche verlegen sogar ihre Küche und ihre Fernsehstube in den Keller, um noch mehr Zimmer vermieten zu können.“

Doch es sind nicht allein die vielen Namensschilder und Klingelknöpfe an den Türen, mit morseähnlichen Signalhinweisen, die auf die studentische Omnipräsenz hindeuten. Da ist auch das Ächzen der auf rostigen Federn auf- und abwippenden Sättel. Es kündigt das Nahen zweirädriger Schlachtrösser gerade noch rechtzeitig an, damit der Passant sich in Sicherheit bringen kann. Fahrräder mit abblätternder Farbe sind die preiswerten Nahverkehrsmittel der 24 000 in Leuven eingeschriebenen Lernwilligen. Mit Ausnahme des modernen Krankenhauses am Stadtrand haben sich die Uni-Gebäude, Fakultäten, Institute, Kollegien und Hörsäle, im historischen Ortskern festgenistet. Die Universität, 1425 durch päpstlichen Erlaß gegründet und eine der ältesten Europas, hat ihre alten Renommierbauten bis in die Neuzeit bewahrt.

Wetteifer reicher Förderer

Das Kiebitzen in die Innenhöfe der diversen Kollegien ist wie eine Reise durch die Architekturgeschichte. 1317 errichteten die wohlhabenden Weber-Innungen eine Tuchhalle, in der sie jedoch nur einige Jahrzehnte lang feilschen sollten. Leuvens Herrscher verziehen den Webern nicht, daß sie sich 1378 mit aufständischen Bauern verbrüderten und die Adligen aus den Rathausfenstern gestürzt hatten, mitten in die Lanzenspitzen der auf dem Vorplatz demonstrierenden Menge. Die Repressalien gegenüber den Zünften waren nicht weniger grausam. Leuven, an der Handelsstraße zwischen Brügge und dem Rheinland gelegen, verlor seine treibenden Kräfte und seinen Ruf als florierende Kaufmannssiedlung.