Indien wehrt sich gegen ein Ökodiktat der Industrienationen

Von Gabriele Venzky

Die Konferenz über Umwelt und Entwicklung Anfang Juni in Rio wird nicht umsonst als der wohl wichtigste Gipfel in der Geschichte der Menschheit bezeichnet. Doch zwei Monate vor dieser Konferenz haben sich die Fronten zwischen dem industrialisierten Norden und dem unterentwickelten Süden derart verhärtet, daß ein Fiasko droht.

"Die Armen werden noch ärmer aus Rio zurückkommen", prophezeit Indiens streitbare frühere Umweltministerin Maneka Gandhi. "Die neue Umweltordnung der Erde soll nach dem Vorbild des diskriminierenden Atomsperrvertrags zurechtgeschneidert werden, nämlich: alles für die Besitzenden und nichts für die Habenichtse", fürchtet ihr Nachfolger Kamal Nath. Auf der Anklagebank des Südens sitzt ein als scheinheilig empfundener Norden, der sich weigert, Wiedergutmachung für das zu leisten, was er angerichtet hat, nämlich die lebensbedrohliche Zerstörung der Umwelt.

"Von Indien wird erwartet, daß es auf dem Rio-Gipfel als Führungsnation der Entwicklungsländer auftritt", sagt Umweltminister Kamal Nath. Dies wird aus der Tatsache abgeleitet, daß Indien nicht nur die größte, wenn auch hoffnungslos aufgesplitterte Grüne Bewegung der Welt hat, sondern gleichzeitig über das zahlenmäßig stärkste Kontingent engagierter und kenntnisreicher Ökologen in der Dritten Welt verfügt.

Aus Indien kommt denn auch der entschiedenste Widerstand gegen die drei Konventionen, die auf dem Erd-Gipfel abgesegnet werden sollen. Klimaschutz – ja, sagt man in Delhi, aber nur, wenn das vom Westen anständig bezahlt wird. Auf keinen Fall werde man auf Wirtschaftswachstum verzichten und sich vom Norden diktieren lassen, den jetzigen Zustand der Massenarmut festzuschreiben. Klipp und klar abgelehnt werden auch die Konventionen zum Schutz der Tropenwälder und der Artenvielfalt. Denn zum einen habe der Süden ein Recht darauf, seine Ressourcen für die eigene Entwicklung auszubeuten; zum anderen sei überhaupt nicht einzusehen, warum die tropischen Länder, die über den größten genetischen Reichtum dieser Erde verfügen, dem Norden Tür und Tor öffnen sollten, während die Erste Welt den Zugang zu ihrer, mit Hilfe der aus dem Süden "gestohlenen" Gene, entwickelten Biotechnologie durch Patente und verschlossene Türen verwehre.

Statt Kooperationsbereitschaft beherrscht Mißtrauen das Verhältnis zwischen Nord und Süd. Der Norden glaubt, der Süden benutze den Erd-Gipfel nur dazu, noch mehr Geld aus den reichen Industrieländern herauszuquetschen. Die Entwicklungsländer fürchten einen neokolonialistischen Anschlag auf ihre Souveränität und argwöhnen, daß ihnen in ihre Entwicklungsstrategien hineingeredet wird. Die Armen sollten auf Steinzeitniveau gehalten werden, nur weil die Reichen, die mit der Erde Schindluder getrieben hätten, ihren gewohnten Lebensstandard bewahren wollten. "Die Betuchten und Wohlgenährten machen sich mehr Sorgen um die Umwelt, weil sie an ihre Zukunft denken. Die Armen dagegen können sich einen solchen Luxus nicht leisten. Sie können nur daran denken, wie sie heute das Nötigste zum Überleben zusammenkratzen", sagt Anil Aggarwal. Er ist Direktor des Zentrums für Wissenschaft und Umwelt in Delhi, eines unabhängigen think tank, der sich mit gut recherchierten Analysen zu einem einflußreichen Wortführer der Umweltbewegung des Südens entwickelt hat.