Am Bosporus schlagen die Wogen der Empörung hoch

Von Fredy Gsteiger

Ankara Ende März

Sogar an den gelben Pullover denken die türkischen Karikaturisten. Sie haben rasch ihre Stifte für Hans-Dietrich Genscher gespitzt. Ob er sich nun mit Hitlergruß und SS-Armbinde schützend vor einen kurdischen Terroristen stellt, während ein verblüffter türkischer Soldat die Welt nicht mehr versteht, oder ob er die schüttere Haartracht beiseite schiebt, unter der dann an der Stelle von Gorbatschows Muttermal eine Hakenkreuz-Tätowierung zum Vorschein kommt – allenthalben ist der deutsche Außenminister in den türkischen Gazetten präsent. In der Redaktionsstube des liberalen Blattes Milliyet amüsieren sich die Journalisten köstlich, während sie die gehässigen Werke ihrer Zeichner begutachten.

"Genscher ist der Chefarchitekt der antitürkischen Attitüde", rechtfertigt Nilüfer Yalcin, die Grande Dame des türkischen Journalismus, die Haßergüsse.

Die Verstimmung reicht tief. Hans steht hier sowohl für Hans-Dietrich Genscher wie für den deutschen Michel schlechthin. Jedenfalls prägt Hans seit Tagen die Schlagzeilen. "Schweine... Schweine... Schweine ...!" titelte das Massenblatt Meydan. "Zum Teufel mit Deiner Hilfe", schreibt Hürriyet: "Die Türkei braucht keinen Menschenrechts-Unterricht von Hans."

Ein offener Brief in der englischsprachigen Daily News wendet sich an die Deutschen, die vortäuschten, Freunde (fettgedruckt) der Türkei zu sein, aber eigentlich reiche, arrogante Rassisten geblieben seien, welche die Kurden aus der sicheren Entfernung von 4000 Kilometern liebten. "Ihr glaubt euren kurzsichtigen, voreingenommenen Journalisten, die immer noch in ihren kleinen, unterentwickelten Hirnen nationalsozialistischen Träumen nachhängen. Wir geben keinen Teil der Türkei preis für Karl Mays Traum von einem unabhängigen Kurdistan." Der Brief schließt mit den Worten: "Lieber Nachbarn wie Saddam Hussein als Freunde wie Deutschland."