Auf dem Weg vom Ministerpräsidenten zum Kanzlerkandidaten: Björn Engholm hat an Machtbewußtsein gewonnen

Von Werner A. Perger

Bonn/Kiel, Ende März

Am Dienstagmittag, während Gerhard Stoltenberg auf der Hardthöhe letzte Hand an die Presseerklärung zu seinem zwar erwarteten, nun aber doch etwas plötzlichen Rücktritt legte, traf sich auf dem Bonner Venusberg eine illustre Tischgesellschaft. In einem Hotelrestaurant ehrte die SPD Egon Bahr zu dessen siebzigsten Geburtstag. Der Parteivorsitzende Björn Engholm hatte Weggefährten des Ostpolitikers eingeladen, voran Willy Brandt, aber auch Hans-Dietrich Genscher, der jedenfalls demselben Kabinett angehört hatte, und Valentin Falin, der ein ständiger Gesprächspartner war. Auch Hildegard Hamm-Brücher kam, gedachte der politischen Aktualitäten und begrüßte den Gastgeber Engholm mit den Worten: „Sie Glückspilz.“

Kam das Bonner Stoltenberg-Schlamassel gerade recht für den Wahlkampf in Schleswig-Holstein? Engholm schien die Frage nicht sehr zu bewegen. Ohnehin ist er einigermaßen siegessicher. Was soll die Bonner Begleitmusik noch ändern, sei es zum Guten oder zum Schlechten? Im Prinzip scheint in Schleswig-Holstein alles gelaufen. Gewiß, wenn beide kleinen Parteien, Grüne und FDP, über die Fünfprozenthürde kommen, kann es eng werden. Das Barschel-Ergebnis von 1988 – 54,8 Prozent für die SPD – gilt ohnehin als unwiederholbar, und für die absolute Mehrheit sollte es auch so reichen. Engholms Leute sind sich dessen gewiß.

Im eigenen Lande, frei vom Bonner Protokoll, ist Björn Engholm ganz guter Dinge, lockerer, als ihn mancher kennt. Wo für ihn am 5. April der Erfolg aufhört und der Mißerfolg anfängt, wurde er neulich in Kiel gefragt, bei 47, 46 oder 45 Prozent? Eigentlich keine Frage, eher ein Spontaneitätstest.

„Ich warte voller Demut“, sagte er nach kurzem Nachdenken, „was Sie am 5. April als Erfolg beurteilen“.