Von Martin Alioth

Der Medientroß, der die selbstbewußte Frau des britischen Labourvorsitzenden überallhin begleitet, macht auch aus der Schule für blinde Kinder eine Scheinwelt.

Doch Verlegenheit läßt Glenys Kinnock im Kontakt mit den Kindern nicht aufkommen. Ohne sich anzubiedern, verbreitet sie Wärme; Die 47jährige Waliserin bewegt sich auf vertrautem Terrain, denn trotz ihrer. zahlreichen Verpflichtungen übt sie weiterhin ihren Beruf als Lehrerin aus, an zwei Tagen pro Woche. Ihre nationale Prominenz hindere sie kaum daran, Siebenjährigen das Lesen und das Schreiben beizubringen, sagt sie – bloß daß ihre Schüler bisweilen Zeitungsausschnitte über sie mitbringen. Hier, im Londoner Arbeiterviertel Clapham, heißen die Kinder Burcak und Salman. Lokaltermin bei Englands multikultureller Gesellschaft: Glenys setzt im Umgang mit den farbigen Kindern sowohl ihre Berufserfahrung als auch ihr politisches Herz ein, denn sie hat in ihrer eigenen Schule die Aufgabe, die Fortschritte ethnischer Minderheiten zu überwachen; außerdem engagiert sie sich für die Belange der Dritten Welt.

Glenys Kinnocks Art stößt überall auf Sympathie – außer bei der britischen Presse. „Insbesondere männliche Journalisten“, stellt sie fest, „haben sehr stereotype Ansichten über erwünschte Rollenbilder. Sie finden es nicht bloß schwierig, sondern geradezu unmöglich, jemandem gerecht zu werden, der, wie ich, starke Uberzeugungen hat und sich gleichzeitig, so wie ich, der Familie mit großer Hingabe widmet.“ Die Frau des britischen Oppositionsführers ist seit Jahren eine beliebte Zielscheibe für die schreibende Zunft Englands. Die „rote Glenys“ wird mit Gusto als treibende Kraft hinter der Karriere ihres Mannes geschildert, wobei der Premierminister-Aspirant selbst unschwer als hohlköpfiger Funktionär unter dem Pantoffel seiner Frau gezeichnet werden kann. Unterschwellig schwingt stets die Überzeugung mit, jede starke Frau müsse einen schwachen Mann haben. So kann es sich auch der aufgeschlossene Independent nicht verkneifen, die rhetorische Frage zu stellen, wo Neil Kinnock heute ohne Glenys wäre.

Frau Kinnock behauptet, sie könne inzwischen über die meisten dieser Angriffe lachen. „Die Kritiker können sich eben eine Ehe, in der man Ideen austauscht, ohne den andern zu dominieren, einfach nicht vorstellen. Ich mache Neil keine Vorschriften, wie er die Labourpartei führen soll.“ Die Presse allerdings sehe ihre vornehmste Pflicht „in der Verunglimpfung der Labourpartei“. Angriffe auf Mrs. Kinnock sollen, meint Glenys, Mr. Kinnocks Eignung für das höchste Staatsamt in Zweifel ziehen.

Dabei gibt Frau Kinnock dem unbefangenen Beobachter keinerlei Anlaß zur Vermutung, sie selbst könnte die Labourpartei besser führen als ihr Gatte. Den intellektuellen Austausch mit einer klugen, selbstbewußten Frau als männliche Stärke auszulegen ist offenbar jenseits des Vorstellungsvermögens.

Die politische Verwandlung der Labourpartei seit der vernichtenden Wahlniederlage von 1987 ist dramatisch. Doch die geschmeidige Wahlkämpferin Kinnock bestreitet, daß sie ihre Ansichten seit damals geändert habe. „Ich bin, wie ich immer war, aber sie (die Presse) beschrieb mich eben so, wie ich nicht war.“ Mit Labours pragmatischer Anpassung an den Zeitgeist habe sie keine Probleme, sagt sie. Die Partei ist ihr inzwischen zur zweiten Natur geworden. Die Tochter eines walisischen Eisenbahners soll schon aus dem Kinderwagen um Labourstimmen geworben haben. Die Heirat mit ihrer Studentenliebe Neil Kinnock vor exakt 25 Jahren vertiefte diese traditionelle Bindung, zumal der einstige Linksaußen bereits mit 28 Jahren ins Unterhaus einzog.