Von Hans Christoph Buch

Die ZEIT unterzieht wichtige Denker dieses Jahrhunderts einer Revision und fragt: Was haben sie richtig vorausgesehen?

Wo haben sie uns in die Irre geführt? Welche ihrer Antworten können uns weiterhelfen, über die Jahrtausendschwelle hinweg?

Back to the USSR“ – der Abgesang der Beatles auf den Lieblingsfeind des Kalten Krieges markierte das Ende einer Epoche, die dreißig Jahre zuvor mit einem fast gleichlautenden Titel begonnen hatte: „Retour de l’URSS“ (Zurück aus Sowjetrußland) von André Gide. Der schmale Band, 1936 bei Gallimard und noch im gleichen Jahr im Jean-Christophe-Verlag, Zürich, auf deutsch erschienen, gehört zu den folgenreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts, das, ähnlich wie Orwells „1984“ und Solschenizyns „Archipel Gulag“, seine Leser in feindliche Lager gespalten hat.

Der christliche Moralist André Gide, der sich Anfang der dreißiger Jahre marxistischen Positionen angenähert hatte, wurde von einem Tag auf den andern von der kommunistischen Kirche exkommuniziert. Gide wurde, wie ein abtrünnig gewordenen Mafioso oder ein reuiger Terrorist, von seinen früheren Genossen mit der denkbar höchsten Strafe belegt und ins Lager des politischen Gegners expediert, obwohl sein Antifaschismus über jeden Verdacht erhaben war und die NS-Propaganda mit seinem Buch nichts anfangen konnte.

Trotzdem stimmte fast alles, was in der linken Intelligenzija Rang und Namen hatte, in den Chor der Verleumder ein: von Aragon und Barbusse bis zu Romain Rolland, von Brecht und Bloch bis zu Heinrich Mann. Um Nachahmer abzuschrecken, ließ die Moskauer Exilzeitschrift Das Wort den Abweichler von Parteischriftstellern wie Johannes R. Becher und Alfred Kurella ideologisch exekutieren, und um den politischen Flurschaden zu begrenzen, wurde Lion Feuchtwanger mit dem Schreiben eines Gegenbuchs beauftragt, das unter dem Titel „Moskau 1937“ in die Annalen des Stalinismus eingegangen ist. Am perfidesten hat Georg Lukàcs, auf Gides Roman „Die Falschmünzer“ anspielend, das Verdammungsurteil formuliert: „Wenige Schriftsteller haben scharfsinniger als André Gide die ‚Falschmünzerei‘ modern-dekadenter Ideologen entlarvt. Aber dieser Scharfsinn hat ihn nicht davor bewahrt, selbst unter die Falschmünzer zu gehen.“ Es war diese Hexenjagd, mehr noch als Gides Erlebnisse in der Sowjetunion, die den Autor zum endgültigen Bruch mit dem Kommunismus bewogen.

Was war geschehen? André Gide war kein Berufsrevolutionär wie Victor Serge, kein surrealistischer Bürgerschreck wie André Breton, kein „proletarischer“ Schriftsteller wie Panaït Istrati und kein wildgewordener Kleinbürger wie Louis Ferdinand Céline – sie alle hatten, nach anfänglicher Sympathie für die Sowjetunion, den Propagandaschwindel durchschaut und, lange vor Gide, mit dem Stalinismus gebrochen. Was diesen, ähnlich wie später Thomas Mann, in den Augen der Partei so wertvoll machte, war sein internationales Renommee, das ihm 1947 den Nobelpreis einbrachte, und der Ruf, ein unbestechlicher Beobachter zu sein, den Gide als Kritiker der französischen Kolonialherrschaft auf seiner Reise durch den Kongo und Tschad glänzend unter Beweis gestellt hatte.