Die Konversion des bürgerlichen Romanciers zum Marxisten geschah nicht über Nacht. Als Folge der von Stalin verspätet proklamierten Volksfrontpolitik gegen den Faschismus hieß die Komintern die Klassenfeinde von gestern, Sozialdemokraten, Konservative und Liberale, als Verbündete willkommen. Im Juni 1935 rief Gide als Hauptredner und Ehrenvorsitzender des in Paris tagenden, gleichnamigen Kongresses zur Verteidigung der Kultur auf mit den Worten: „Nichts ist unwahrer als die Behauptung, daß die Sowjetunion uniformiere.“ Fast auf den Tag genau ein Jahr später sagte der Sechsundsechzigjährige bei der Totenfeier für Maxim Gorkij auf dem Roten Platz in Moskau: „Das Schicksal der Kultur ist in unseren Sinnen geknüpft an das Schicksal der UdSSR selbst. Wir werden sie verteidigen.“

Das war kein point of no return wie für andere linke Schriftsteller, die erst durch Chruschtschows Entstalinisierung oder durch den Zusammenbruch des Sowjetimperiums von ihren Illusionen geheilt wurden. Im Gegensatz zu anderen Rußlandreisenden, die sich gerne ein X für ein U vormachen ließen (wie der Bischof von Canterbury, Hewlett Johnson, der Stalins Sowjetunion rühmte als „das moralischste Land, das ich kenne“, und der amerikanische Diplomat Davies, der den georgischen Diktator als „Mann von einzigartiger Bescheidenheit“ seiner Tochter empfahl), war Gide ein unbequemer Verbündeter und hat sein Mißtrauen nie verhehlt: „Schon zu Beginn unserer Beziehungen hatte ich meine neuen kommunistischen Freunde darauf aufmerksam gemacht, daß ich nie ein geruhsamer Zuwachs sein würde, niemals ein friedfertiger Kumpan ... Die Wahrheit ist es, der ich mich verpflichte; wenn die Partei sie verläßt, verlasse ich zugleich die Partei.“

Hier nimmt André Gide nicht nur das Fazit seiner Reise vorweg; er entkräftet zugleich einen kritischen Einwand, den Lothar Baier erst kürzlich wieder (in seiner „Revision“ von Albert Camus, ZEIT Nr. 9) gegen den Wahrheitsbegriff ehemaliger Dissidenten wie Václav Havel erhoben hat: „Ich weiß recht wohl (habt ihr es mir nicht zur Genüge gesagt?), daß, ‚vom marxistischen Standpunkt aus‘, Wahrheit nicht existiert; wenigstens nicht im absoluten, sondern nur in einem relativen Sinn. Aber gerade um eine relative – und von euch verfälschte – Wahrheit handelt es sich hier. Und ich glaube, daß, wer in so wichtigen Fragen andere zu betrügen sucht, auch sich selbst betrügt. Denn hier sind die von euch Betrogenen ja ebendie, denen ihr zu dienen behauptet: das Volk. Man dient ihm schlecht, wenn man ihm Sand in die Augen streut.“

Diese Sätze sind dem zweiten Teil von Gides Buch entnommen: „Retouches à mon Retour de l’URSS“, in dem der Autor zu den durch seinen Reisebericht ausgelösten Irritationen Stellung nimmt. Noch kürzer und prägnanter hat Gide das Fazit seiner Reise an anderer Stelle resümiert: „Diktatur des Proletariats hatte man uns versprochen. Wir sind weit vom Ziel. Ja, Diktatur zweifellos, aber die eines Mannes ... das ist nicht das, was man gewollt hat. Noch ein Schritt weiter, und wir müssen sagen: das ist genau das, was man nicht gewollt hat.“

Man muß ein Propagandamachwerk wie Feuchtwangers Buch „Moskau 1937“ oder die peinliche Apologie der Moskauer Prozesse durch Ernst Bloch, Heinrich Mann, Brecht und andere dagegenhalten, um zu ermessen, welcher Anstrengung es bedurfte, unter dem doppelten Druck von Faschismus und Stalinismus einen klaren Kopf zu behalten und nicht, wie die meisten Linksintellektuellen dies taten, die Verbrechen des einen zu entschuldigen unter Hinweis auf die Greueltaten des anderen. In den dreißiger Jahren steckte die Totalitarismustheorie noch in den Kinderschuhen – in Gides Text taucht der Begriff nirgendwo auf –, aber der Vergleich von Hitler und Stalin, der nicht mit Gleichsetzung zu verwechseln ist, verstieß schon damals gegen ein ideologisches Tabu, das vielen noch heute den Blick verstellt.

Mit der folgenden Feststellung hatte André Gide die Schmerzgrenze seiner linken Leser endgültig überschritten: „Glaubt man, die Prozesse von Moskau und Nowosibirsk könnten es mich bedauern lassen, den Satz geschrieben zu haben, der euch empört: ‚Ich bezweifle, daß in irgendeinem Lande der Gegenwart, und wäre es in Hitler-Deutschland, der Geist weniger frei, mehr gebeugt sei, mehr verängstigt (terrorisiert), in tiefere Abhängigkeit geraten‘?“

Wie gelangt Gide zu dieser deprimierenden Einschätzung? Indem er offiziellen Auskünften grundsätzlich mißtraut und, ebenso wie auf seiner Kongoreise, das „Automobil des Gouverneurs“, das heißt den ihm vom Schriftstellerverband zur Verfügung gestellten Salonwagen der sowjetischen Staatsbahnen, verläßt, um sich mit seinen Begleitern unters Volk zu mischen und auf eigene Faust Erkundigungen einzuziehen. Mit seinem in Afrika erprobten, kritischen Blick deckt Gide in der UdSSR koloniale Verhältnisse auf.