Kinderpornographie – das grausliche Thema und die unglaubliche Realität werden mit Entsetzen und mit Abscheu eher weggeschoben. Man hat sich dem widerlichen Phänomen sachlich zu nähern. So wie es jetzt endlich die Regierung tut – mit einem härteren Gesetzentwurf gegen die Kinderschänder, die Pornohändler und erstmals auch – ganz wichtig – ihre Videoabnehmer, „Sammler“ genannt, also auch die, die sich zu Hause an Kinderpornos ergötzen. Den skrupellosen Kinderpornographen drohen bald saftige Strafen und – endlich – eine Abschöpfung ihres Gewinns, Beschlagnahme der Videos, Wegfall des Geschäfts. Das alles ist aber erst eine Vorlage der Regierung, seit Jahren diskutiert. Warum dauert das so lange? Stimmt es, daß in den Experten-Gremien Beschöniger sitzen, die harte Reaktionen des Staates nicht nötig finden und verzögern?

Die Zahlen sprechen aber seit Jahren eine deutliche Sprache: Annähernd 30 000 Video-„Sammler“ gibt es; tausend Prozent Gewinn kurbeln das elende Geschäft an; 150 000 Kinder werden im Jahr mißbraucht, besagen Schätzungen. Jährlich werden 13 000 Fälle angezeigt, doch nur rund 7500 aufgeklärt. Also ein Dunkelfeld von über 90 Prozent?

Sexueller Mißbrauch von Kindern – und nichts anderes ist die Videopornographie – ist seelischer Mord. Die Zwei- bis Zehnjährigen erwartet ein zerstörtes Leben. Mit diffusen Symptomen kommen viele von ihnen später in die Psychiatrie oder zum Analytiker, wenn sie Glück haben. Pseudoepileptische Anfälle, Bettnässen, lebenslange Allergien, das sind noch, so berichten Ärzte, die weniger schrecklichen Folgen des Vertrauensverlustes, der Mißhandlung und Fehlprägung, die sie als Kinder erleiden. Lebenslange Angst, Unfähigkeit zu Bindung und Vertrauen, Männerhaß, sexuelle Probleme sind häufige Folgen dieses Seelenmordes, die Geschäftemacher und Lüstlinge skrupellos in Kauf nehmen.

Sexueller Mißbrauch von Kindern, dieser uralte Verrat an der Familie, ist wohl das verborgenste aller Verbrechen. Die bekanntgewordenen Straftaten nehmen nach der polizeilichen Kriminalstatistik etwa 27 Prozent der gesamten Sexualdelikte ein. Verurteilt werden dann 32 Prozent wegen sexuellen Mißbrauchs von Kindern. Dies in der alten Bundesrepublik. In der Schweiz werden, bezogen auf 100 000 Menschen, weit mehr Täter als hierzulande wegen sexueller Delikte an Kindern verurteilt: 6 gegenüber 2,3 (1984). Nun ist gewiß die Schweiz nicht bösartiger als Deutschland. Die Zahl beweist also nur, daß fast alle Zahlen unsicher und die Dunkelfelder riesig sind. Fest steht, daß ein Drittel aller Kinder, die in der Kinderpsychiatrie auftauchen, sexuell mißbraucht wurden. Es gibt sogar Schätzungen, daß jede vierte Frau als Kind einem sexuellen Angriff ausgesetzt war.

Die Videopornographen – Hersteller und Konsumenten – sind also nur ein kleiner Teil derer, die Kinder sexuell mißbrauchen, allerdings einer mit großer krimineller Energie und der dazugehörenden Unschuldsmiene. Sie setzen sich über die fatalen, lebenslangen Seelenschäden hinweg.

Wer hofft, durch Videotechnik würden ja nun Beweise geliefert für den sexuellen Mißbrauch von Kindern, das Verbrechen also öffentlich gemacht, der täuscht sich. Die Videos, die sich Männer reinziehen, sind perverse Scheinlegitimationen, sie vermindern das Unrechtsbewußtsein, lassen das Horrende als normal erscheinen, bauen also Hemmungen ab. Sie verbreitern das Verbrechen.

Gründe genug, in dieses lukrative Pornogeschäft endlich hineinzuschlagen. Es lebt davon, daß Kinder wehrlos, ahnungslos und willig sind. Kinder können nicht anklagen und sind keine Zeugen. Sie werden erst geprägt, und auf diese Weise werden sie lebenslang verpfuscht und verelenden seelisch. Fachleute nehmen an, daß sich bis zu 68 Prozent der Prostitution und ein ähnlicher Teil der Drogenszene so bilden. Daher sollte der Bundestag darauf achten, daß die Verjährungsfrist hier auf mindestens dreißig Jahre festgelegt wird, damit mißbrauchte Kinder, sehen sie als Erwachsene ihren Lebensschaden, ihre Schänder noch zur Verantwortung ziehen können. Nur so wird auch Abschreckung geschaffen.

Hanno Kühnert