Die Rolle eines Autors als des moralisch-politisch engagierten Zeitgenossen hat sich weitgehend verbraucht, für Toleranz, für die Schonung der restlichen Umwelt undsoweiter singt mittlerweile sogar Udo Jürgens. Klammere ich das gewichtige, sich zugleich verflüchtende Wort „Moral“ aus, bleibt der Begriff: Differenzierung. Schriftsteller, Schriftstellerinnen, die nicht die Unterhaltungsindustrie bedienen, sie erzählen und erörtern differenzierend. Ich möchte dies nicht mit Geld honorieren lassen, das erwirtschaftet wurde mit dem vorsätzlichen Verzicht auf Differenzierung: ein Teil des Geldes, das ich in Modena erhielte, es wären Erträge des Produktes Super. Also wäre dieses Preisgeld, für mich, stark kontaminiert. Deshalb bitte ich Dich, der Jury mitzuteilen, daß ich den Petrarca-Übersetzerpreis nicht annehme.

Aus einem Brief des Schriftstellers Dieter Kühn an Michael Krüger, einen der vier Juroren des Petrarca-Preises

Abgrunddick

Manchmal, wenn er in seinem rehbesprungenen Reinbek sitzt und den Blick hinaus auf die Douglastannen und die formschönen Containerbauten schweifen läßt, für die die norddeutsche Tiefebene berühmt ist, hören seine Angestellten, wie der Rowohlt-Verleger Michael Naumann gar kryptische Worte murmelt: „Abgründig, abgründig.“ Wenig wahrscheinlich, daß Naumann damit von seinem Hochsitz aus das Paarungsverhalten des Reinbeker Niederwilds kommentiert; es muß mit der Zeitung zu tun haben, die er vor sich liegen hat. Naumanns Perspektiv war auf die krause Eloge gerichtet, die Klaus Nothnagel in der Berliner tageszeitung dem amerikanischen Schriftsteller John Irving widmete. Abschüssig ward’s dem Verleger mit einem Mal zumut, so abschüssig, daß er der Zeitung einen zweiseitigen Leserinnenbrief schickte, in dem er den Autor mindestens so gnadenlos geißelte wie weiland Karl Kraus seine Opfer. Von seinem Ansitz aus erkannte Naumann, daß „Du des Deutschen niemals mächtig sein wirst“. Wenn er, Naumann, auch da noch mitzureden hatte, dann hätte er, Nothnagel, den „Abstieg des Redakteurs von der Kreis- in die Unterkreisliga“ verdient. Doch selbst das ist Sonntagsjäger Naumann noch nicht krausisch genug, er geht zur Mann-Deckung über. Denn was Naumann an Nothnagels Artikel am meisten stört, ist des Kritikers Körperfülle. Die muß so maßlos sein, so jenseits jeder Reinbeker DIN-Norm, daß Naumann den Nothnagel ungerührt duzen und ihm die Qualifikation zum Literaturkritiker absprechen kann. Ein Rätsel allerdings bleibt: warum die taz den Brief des „Dr. Michael Naumann, Reinbek“ gekürzt und entfettet hat und sich damit der Gelegenheit begab, der Welt Mitteilung von den neuesten Ergebnissen der Reinbeker Rehforschung zu machen. Dort draußen, in der zur Meditation einladenden Weltsenke, wurden immerhin neue Kriterien der Literaturkritik geboren, und wir können sagen, wir seien Zeuge geworden: zu groß – nicht gut; zu dick – ganz, ganz schlecht. Ein Abgrund.

Bitte vertraulich!

Im Umschlag ohne Absender erreicht uns folgende „Vertrauliche Mitteilung an private Sammler und Museen in Europa und USA“: Sehr geehrter Kunstfreund! Diese wichtige Information ist nur für Sie persönlich. Sollten Sie in den vergangenen Jahren realistische Gemälde des Künstlers Gottfried Helnwein erworben haben, so ist es sehr zu empfehlen, einen Experten zu befragen. Während dieser Zeit entstanden Reproduktionen (gängige Motive gleich mehrmals), vom Künstler bearbeitet, manchmal nur mit Firnis. Es handelt sich u.a. um Kinderporträts oder Politiker wie J.F. Kennedy, Gorbatschow oder Schauspieler wie Elvis Presley, Joseph Beuys, Andy Warhol oder den Verleger Hans Dich and oder den Gründer der Scientology-Sekte Ron Hubbard, aber auch um verschiedene Selbstporträts des Künstlers. Die Preise liegen zwischen 40 000 und 200 000 Schweizer Franken, Deutsche Mark und US Dollar. Sollten Sie anstelle eines Originals eine Reproduktion erworben haben, kontaktieren Sie umgehend den Verkäufer. In Kürze berichten internationale Kunstmagazine und andere Publikationen über die unseriösen Praktiken des Künstlers. Bitte behandeln Sie diese Information vertraulich!

Da wir es eigentlich immer für überflüssig gehalten haben, einen originalen von einem reproduzierten Helnwein zu unterscheiden, geben wir, wie gewünscht, die Nachricht an solche Menschen weiter, die in diese Unterscheidung bis zu 200 000 Franken/Mark/Dollar investiert haben. Und falls Sie jetzt ratlos vor den gängigen Motiven stehen sollten, empfiehlt sich zunächst der Blick auf den Firnis, dann in die internationalen Kunstmagazine. Aber bitte vertraulich!