Das Militärkrankenhaus der Roten Armee, einst Vorzeigeobjekt, ist immer noch eine Welt für sich

Beelitz

Wie fühlt sich einer, dem sein Feindbild genommen wird? Was denkt jemand, dem gesagt wird, das alles Lug und Trug war, für das er kurz zuvor noch sein Leben hergeben sollte? Kann ein Soldat weitermachen wie bisher, obwohl er nicht einmal weiß, auf wen er im Ernstfall schießen muß?

Oberst Wladimir Pitschugin thront hinter seinem Schreibtisch, als gingen ihn derlei Fragen nichts an. Seine Gäste nehmen Platz in gebührendem Abstand. Der Oberst ordert Kaffee bei einer weißgestiefelten Sekretärin, gibt sich freundlich und charmant. Ab und zu schrillt das Telephon und ruft den deutschen Besuchern den Ort des Geschehens ins Bewußtsein: Kasernengelände der früheren Sowjetarmee, das Militärkrankenhaus Beelitz bei Potsdam mit immer noch 1100 Soldaten, darunter 200 Ärzten und 700 Pflegekräften. Der 46 Jahre alte Pitschugin, Soldat und Chirurg, ist dort „der Chef“ – bis Mitte nächsten Jahres jedenfalls, dann soll die zentrale Klinik der Westgruppe endgültig aufgelöst sein.

Bis dahin geht’s im alten Stil weiter, heißt es. Wie sehr das innere Gefüge aber trotz der äußeren Disziplin – schon ins Wanken geraten ist, läßt sich buchstäblich an der Wand ablesen. Über dem Schreibtisch des Obersten hängt zwar noch immer das Bildnis Lenins. Aber nicht weit entfernt davon, weist schon ein anderer Wandschmuck in die neue Zeit: ein Kalender der Allianz-Versicherung. Daneben Moskau unter blauem Himmel und der Kreml im Schnee. Pitschugin steckt sich eine Marlboro an, die Zigarette des einstigen Klassenfeindes. Am Kasernentor prangt noch immer der rote Stern.

Die Lage ist chaotisch

„Wir haben große Probleme mit unseren Symbolen“, gesteht der Chef, „aber es gibt noch keine neuen.“ Was hat sich für ihn geändert? „Die alten Verbindungen sind abgerissen, wir müssen nach neuen Wegen suchen“, antwortet Pitschugin ausweichend. Die Stimmung? „Gut. Wir sind weit entfernt von der Heimat“, sagt der Oberst, gibt aber gleichzeitig zu, daß ihn die „Vorgänge“ innerlich schon sehr aufgewühlt haben. Wenngleich die Sowjetunion nicht mehr existiere und die neuen Zuständigkeiten noch ungeklärt seien, bleibe im militärischen Alltag vorerst alles beim alten. Auch unter den neun verschiedenen Nationalitäten, die in Beelitz Dienst tun, gebe es keinerlei Reibereien, beteuert der Chef.