Römer, seid fruchtbar und mehret euch, Römer, macht mehr Kinder!“ flehte Camillo Ruini, Kardinal von Rom. Ein Abgeordneter der Grünen warf dem zölibatären Gottesmann sogleich vor, wie ein Blinder von der Farbe zu reden. Doch der alte Don Camillo hat schließlich Augen im Kopf, um zu sehen, daß in den Hinterhöfen seiner römischen Diözese keine Kinder mehr schreien, keine Windeln und Strampler mehr über der Gasse hängen und die wohlhabenden unter den älteren Signoras statt Enkelchen nur mehr ihren Nerzmantel spazierenführen. Und daß die römischen Priester mehr Totenmessen lesen als Säuglinge im Spitzenkleid übers Taufbecken halten, stimmt nicht nur Kirchenmänner traurig.

„Es gibt zwar viele Katzen, aber kaum noch Kinder im Viertel“, klagt Elisabetta, eine Nachbarin. Kein Wunder, daß sie anfing, Babysocken zu stricken, als sie erfuhr, daß ich mein zweites Kind erwartete. Die alten Frauen sind als Großmütter nicht mehr ausgelastet. Und weil so ein Neugeborenes fast so rar wie schwarzer Trüffel geworden ist, ließen es sich auch die älteren Männer wie Giacomo, der Tischler, Alvaro, der Klempner und Aldo vom Lebensmittelgeschäft nicht nehmen, unser Baby persönlich zu besuchen. Selbst die bärbeißige Apothekerin rang sich ein Lächeln ab, sie hoffte wohl, daß ich ihr das reichlich gesüßte Milchpulver, das hier dreimal so teuer wie in Deutschland ist, abkaufe. Nur meine italienische Freundin Laura kondolierte: „Zwei Kinder! Du bist wohl verrückt!“

Im Viertel gelten wir nun als „Kinderreiche“ und überhaupt als Reiche, denn Bambini sind heute Luxus, „eine teure Option“, wie die römische Demographin Antonella Pinnelli sagt, „ein emotionales Konsumgut, ein Statussymbol wie ein schönes Auto“.

Unglaublich – nirgendwo auf der Welt werden so wenig Kinder geboren wie in Italien, dem klassischen Land der Großfamilien, wo einst ein halbes Dutzend Kinder am Rocksaum der Mamma hing. Gerade ist das Land dabei, den statistischen Rekord von nur 1,27 Kindern pro Frau (Deutschland 1,39, Frankreich 1,81, England 1,85) aufzustellen. In nur dreißig Jahren hat sich die italienische Geburtenrate halbiert, und die Italiener sehen ihr 57-Millionen-Volk schrumpfen und vergreisen.

In Rom, so ängisten sich allerlei Experten, werden im Jahr 2000 nur noch alte Römer und junge Afrikaner auf Asylsuche leben. Ein Karikaturist der Tageszeitung Repubblica zeichnete die Kapitolinische Wölfin mit einem weißen und einem schwarzen Zwilling an den Zitzen. Dabei ist die Hauptstadt mit 9 Babys auf 1000 Einwohner nachwuchsmäßig noch nicht einmal so schlecht gestellt wie Italiens Norden. Genua, mit nur 6 Neugeborenen auf 1000 Einwohner eine der kinderärmsten Städte der Welt, mußte bereits siebzehn Schulen schließen. Nachwuchs für den genuesischen Ex-Fußballmeister Sampdoria wird da rar.

Weshalb sind ausgerechnet die Italienerinnen so gebärmüde? Die Anthropologin Ida Magli hat es schon immer gewußt: „Mutterschaft ist kein, Instinkt. Solange Kinderkriegen ein Gesellschaftswert war, gab es genügend Anreize.“ Andere schreiben es dem „Neuen Hedonismus“ zu. Die Italiener seien eben auf dem Egotrip und Weltmeister im Konsumieren von Kleidung, Schuhen, Krawatten, Autos geworden, klagt La Repubblica.

Für die Kirche ist die Sache klar: „Die Frau hat sich revolutionär verändert“, sagt der Moraltheologe Luigi Lorenzetti. „Früher dachte sie nur ans Kinderkriegen, heute will sie eine neue Rolle in der Gesellschaft spielen.“ Und da sei kein Unterschied zwischen katholischen und nichtkatholischen Frauen. Alles schwarze Schafe.