Von Rolf Goetz

Die randvoll besetzte Piroge windet sich gemächlich durch das labyrinthartige Gewirr schmaler, von dichten Mangroven gesäumten Wasserläufe. Durch den ratternden Außenbordmotor aufgeschreckte Fischreiher und Kormorane fliegen lauthals kreischend über das Boot hinweg, um sich sogleich wieder auf einem der aus dem seichten Gewässer ragenden Baumstümpfe niederzulassen und sich dem alltäglichen Beutespiel zu widmen.

Fast ganz eingehüllt von üppigem Dschungel, taucht am Ufer des Bolong schließlich der Weile-Affiniam auf. Die stattlichen Gehöfte des Dorfes liegen versteckt am Rande eines immergrünen, von majestätischen Kapokriesen durchsetzten Palmenwaldes. Die Luft vibriert von Vogelgezwitscher, dem Tschirpen der Grillen und dem Gesumm anderer Insekten sowie dem rhythmischen Stampfen der Getreidemörser. Die teils mit Reisstroh gedeckten Hütten sind von Mango- und Orangenbäumen eingerahmt. Im Dorf gibt es drei kleine Moscheen mit dazugehöriger Koranschule, eine katholische Kirche und eine Grundschule.

Der Anlaufpunkt für die ausländischen Gäste ist das Campement, ein Projekt des sogenannter „ländlich integrierten Dorftourismus“. Ursprünglich als Entdeckungstourismus geplant und Mitte der siebziger Jahre mit bescheidener staatlicher Hilfe initiiert, haben sich die Dorfcampements in der senegalesischen Casamance zu einem vielbeachteten alternativen Tourismusprojekt entwickelt Mittlerweile gibt es in Senegals Süden etwa ein Dutzend dieser dörflichen Herbergen, die den Besuchern ermöglichen sollen, das Hinterland zu entdecken und gleichzeitig Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung zu knüpfen. Die Campements werden von den Dorfbewohnern in Selbstverwaltung geführt. Über die erwirtschafteten Gewinne, die ausnahmslos dem Dorf zugute kommen, wird in der Dorfversammlung gemeinsam entschieden.

Die Zahl der Gästebetten ist auf maximal vierzig beschränkt, um das Dorfleben nicht übermäßig zu belasten. Die Herbergen sind äußerst spartanisch ausgestattet. Petroleumlampen spenden Licht, Wasser wird aus dem Brunnen geschöpft.

Der massive Lehmbau in Affiniam wirkt – bis auf das Wellblechdach – ausgesprochen rustikal. An den Außenwänden hängen Reusen, Kalebassen und Steiggürtel zum Palmweinzapfen. Die Räume gehen zellenartig vom runden Innenhof ab, der teils von einer überdachten Veranda überzogen ist. In den Zimmern steht lediglich eine gemauerte Bettstatt mit Matratze sowie einem darüber angebrachten Moskitonetz. Tische, Stühle, Schränke, selbst Kleiderhaken fehlen. Ein Schloß an der Tür gibt es nicht.

Gegessen wird an flachen Tischchen in der Mitte des Innenhofes. Die angebotene lokale afrikanische Küche kann mit der einfachen Formel riz au poisson – Reis mit Fisch – umschrieben werden. Besonderer Pfiff ist die dazu gereichte scharfe rote Soße aus Erdnüssen und Palmöl. Doch kulinarische Genüsse dürfen nicht erwartet werden. Zum Abendessen macht in Affiniam dafür frisch gezapfter Palmwein die Runde. Dafür findet oft bis in den späten Abend hinein ein improvisiertes Tamtam mit Trommel, Tanz und Gesang statt, in das die Gäste gerne miteinbezogen werden.