Siegfried Stegemann hat die Abfalltonne der Stadtreinigung in seinem Garten mit einer schweren Kette vor dem Zugriff der Müllmänner gesichert: „Damit niemand behaupten kann, er hätte das Ding geleert“, erklärt der Rentner triumphierend. Der eingefleischte Naturschützer hat sich aus der Wegwerfgesellschaft verabschiedet und lebt seit Jahren als Selbstversorger und -entsorger. Stegemann ernährt sich fast ausschließlich aus der Ernte seines Gartens, unterhält eine Kompostmiete und meidet Einwegprodukte. Metall (Zahnpastatuben) und Kunststoff (Schraubverschluß) gibt er in die Wertstoffsammlung, eine kaputte Glühbirne schickt er an den Hersteller zurück. In seiner Heimatstadt ist er bekannt als der „Mann ohne Müll“. Streitbar ist Siegfried Stegemann dazu. Gegen die Stadt Flensburg hat der 71jährige jetzt in letzter Instanz einen Prozeß gewonnen, der die bundesdeutschen Müllverwalter in Städten und Gemeinden schon bald in Zugzwang bringen wird: Abfallgebühren, hat der 2. Senat des Oberverwaltungsgerichtes (OVG) in Schleswig entschieden, „sind grundsätzlich nach dem Umfang und der Art der Inanspruchnahme der öffentlichen Einrichtung zu bemessen“ (Az.: 2 L 149/91). Nicht anders, als dies bei der Berechnung von Wasser-, Gas- und Stromgebühren schon immer geschah. Doch ausgerechnet die Staffelung von Abfallgebühren, angesichts des bundesweiten Entsorgungsnotstands ein wirksames Instrument zur Regulierung der Mülllawine, haben die meisten Kommunen bis heute verschlafen.

Nicht anders die Flensburger. Die städtische Gebührenordnung sah bis vor kurzem lediglich eine Pauschale für die wöchentliche Tonnenleerung vor. Und zu zahlen hatte jeder Haushalt, das befand Stegemanns langjähriger Intimfeind, Rechtsamtsleiter Wolf-Dieter Amberg, „ganz eindeutig“. Die Richter waren anderer Meinung. Das von Amberg ins Feld geführte Argument, schon das Bereitstellen eines städtischen Mülleimers ermächtige zum Einzug von Gebühren, mochten die Richter nicht gelten lassen: Das Nachsehen der Müllmänner, „ob sich nicht doch Abfall im Abfallbehälter befindet“, sei eine von der Stadt „aufgedrängte Leistung“ und „im Hinblick auf die Entsorgung ohne jeden Sinn und Zweck“. 691,20 Mark bei Stegemann eingetriebene Gebühren muß Flensburg dem Kläger erstatten. Ein zweiter Prozeß, den Stegemann um in jüngster Zeit erhobene Abfallpauschalen führt, dürfte mit dem gleichen Ergebnis enden. Zwar hat die Ratsversammlung der Stadt Mitte vergangenen Jahres eine vierzehntägige Leerung von Mülltonnen auf Antrag der Benutzer zugelassen, doch zahlt sich die praktizierte Müllvermeidung kaum aus: 25,60 Mark je 110-Liter-Behälter kostet die wöchentliche Müllabfuhr derzeit. Wer die Tonne nur alle vierzehn Tage auf die Straße stellt, spart in Flensburg gerade mal vier Mark in der Woche.

Dabei hat die Verwaltung längst begriffen, daß es so nicht weitergeht. Gebühren müssen „verursachergerechter werden“, heißt es in einer Vorlage des Stadtreinigungsamtes, und „soweit wie nur möglich den umweltbewußten Abfallbesitzer in seinem Tun bestätigen“. Das Urteil des OVG hat der Politik Beine gemacht. Inzwischen denkt die Stadt, so Pressesprecher Oliver Berten, „über einen gangbaren Weg zur Gebührenstaffelung ganz furchtbar heftig nach“.

Andere Kommunen haben ihre Hausaufgaben bereits in Angriff genommen. So läuft in Bremen seit Herbst 1991 ein Modellversuch, der die Abfuhrhäufigkeit bei 500 einzelnen Haushalten individuell messen soll. Dazu hat die Stadtreinigung eine Kennungstafel an den Abfalltonnen angebracht, ein Lesegerät am Müllaster registriert die Inanspruchnahme der Abfuhr. Obwohl ein Gebührensystem, das Müllsparer belohnt, gerade erst eingeführt wird, sei das „Abfallvolumen bei den angeschlossenen Haushalten bereits um 25 Prozent gesunken“, freut sich Adolf Pösel, Leiter der dortigen Müllverwertung. Das Bremer System gilt, so Pösel, als „billig, dazu idioten- und mißbrauchssicher“. Die Registrierquote des Lesegeräts liege bei 99,8 Prozent. Im Mai will die Hansestadt den erfolgreichen Versuch auf 5000 Haushalte ausdehnen.

Ein komplizierteres System des Mainzer Unternehmens Zoeller erproben derzeit eine Handvoll Gemeinden in Süddeutschland. Im Esslinger Stadtteil Bergheim etwa sind seit einem Jahr Müllaster unterwegs, die jede Abfalltonne beim Entleeren automatisch wiegen. Ein in die Tonne eingeschweißter Mikrochip gibt dem Bordrechner des Lasters zum Gewicht die nötigen Informationen, um für jeden angeschlossenen Haushalt ein individuelles Müllkonto auf aktuellem Stand zu halten. Die 8000 an dem Experiment teilnehmenden Einwohner Bergheims zahlen neben einer Pro-Kopf-Grundgebühr 44 Pfennig für ein Kilo entsorgten Mülls. Reinhard Mattl vom Esslinger Tiefbauamt schätzt den Abfallrückgang auf jetzt schon zwanzig Prozent.

Antje Schulz-Zoeller, Sprecherin der Firma Zoeller, hält die bestehenden Müllzählsysteme heute durchweg für alltagstauglich. Ein von Kritikern gern aufgeführtes Argument gegen tariflich gefördertes Müllsparen wischt sie vom Tisch: „Die Leute haben ihren Müll nicht beim Nachbarn reingetan und auch nicht in den Wald geschüttet.“ Matthias Brendel