Von Peter Körte

Odette ist gerade vierzig geworden und „war schlecht in der Liebe“. Sie schreibt Gedichte über Huren und trägt sie in Provinzbibliotheken vor. „Manchmal glaubt sie, sie wolle bloß ein bißchen Spaß haben im Leben, und dann wieder wurde ihr klar, daß sie fürchterlich verwirrt war“. Harry, Mary oder Zoe sind auch nicht eben talentierter. Liebe als Schulfach in einer Veranstaltung, die Leben heißt, samt Nachhilfe, Noten und Nöten – darum kreisen Lorrie Moores Stories. Was ihre Figuren anstellen, ist immer rührend und lächerlich, töricht und von pragmatischer Schläue, bissig und mitfühlend erzählt.

„Like Life“ heißt der Band „Pepsi Hotel“ im Original – wie das Leben, aber eben nur: wie. Im Sinn jener anderen Figur, die mit ihrem Eyeliner hantiert und dabei erläutert: „Ich habe kein Liebesleben. Ich habe so etwas wie ein Liebesleben.“ Lorrie Moore ist 35, hat einen Roman und zwei Bände mit Stories veröffentlicht; sie lehrt in Wisconsin, an einer Provinzuniversität. Auf dem Autorenphoto sieht sie ganz so aus, als verfüge sie über ein ähnliches Repertoire schnoddriger Sprüche wie ihre Figuren. „Leben ist Glückssache“ (Self-Help“) heißt ihre erste Sammlung von Stories, „Die Verrückungen der Benna Carpenter“ ihr Roman, der den Untertitel „Ein Figurenspiel“ trägt, beide Bücher bei uns, 1991 und 1988, gleich in Taschenbuchform veröffentlicht.

Feinziselierte Plots sind der Autorin Sache nicht. In ihrem ersten Erzählungsband gibt es eine Story mit dem Titel „Wie werde ich Schriftsteller“: „Sie behaupten, dein Sinn für den Plot sei abscheulich und unqualifiziert“, spricht die Erzählerin im Ton der älteren Schwester. Doch das macht nichts, denn das Mißtrauen gegenüber Plots hat Gründe, die Lorrie Moore ganz offenbar teilt: „Stell dir vor, du inszenierst eine Liebesaffaire und keiner kommt.“

Die knappen Titel und kurzen Sätze, wie mit der Spraydose auf eine Mauer gesetzt, sind keine Augenblickseingebungen, sondern Ergebnis harter erzählerischer Arbeit: „Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Mary zwei Männer. Das brachte zusätzliche Wäsche, einen Anrufbeantworter und nächtliche Taxifahrten mit sich, die in Cleveland telephonisch bestellt werden mußten; dennoch empfahl sie es ihren Freundinnen auf Postkarten... Der Nervenzusammenbruch kam schleichend.“ So beginnt eine Geschichte aus ihrem zweiten Band mit Erzählungen, der nun als Hardcover erschienen ist. Moore schlägt ein hohes Tempo an, ohne je außer Atem zu geraten. Temposicherheit ist die Voraussetzung für Timing, und wenn das Timing stimmt, ersetzt es jeden Plot.

Die Stories spielen in New York oder im Mittleren Westen, dem amerikanischen Inbegriff tiefster Provinz. Dort liegt nicht nur das „Land der sterbenden Einkaufszentren“, dort ist auch der Ort, wo das Leben sich der Ratgeberliteratur anzupassen müht. Vom Benimm über Yoga bis zur Kur gegen Liebeskummer, für alles gibt es ein „How to...“ Die Autorin reizt den absurden Witz aus, der darin steckt. Doch die flotten Sentenzen bekommen schnell Widerhaken – je rotziger es klingt, desto dreckiger geht es den Figuren. „Ihr Herz war groß und quoll über. Wenngleich ihr Gehirn vertrocknete und knollig wurde wie ein Blumenkohl“, heißt es über Mary mit den zwei Männern.

Lorrie Moore widmet sich zumeist den seltsamen Verirrungen der Generation zwischen dreißig und vierzig, in der man sich für Biokost und Yoga erwärmt und die Suche nach dem Mann/der Frau fürs Leben mit vorbildlicher Selbstverleugnung betreibt. Atemberaubend ist es gewiß nicht, was den Protagonisten dabei zustößt, und Spott hat es auch verdient. Bei aller Spottlust ist hier jedoch eine barmherzige Erzählerin am Werk. Sie erbarmt sich selbst des verkrachten Stückeschreibers Harry, der Brotjobs wie TV-Drehbücher verachtet und lieber über seinem verkannten Meisterwerk brütet, das er ganz bescheiden „O’Neillean“ nennt. Von seiner Freundin muß der arme Poet, der nachts umherwandert, sich anhören: „Ich sage dir, such dir einen Job, wir besorgen uns eine Wohnung in einem Haus mit Kabelanschluß, und dann führen wir ein richtiges Leben.“ Heroisch entsagt er der Verkabelung, doch wenn er nicht mehr weiter weiß, macht auch er „Pläne“. „Pläne“, das sind bei Lorrie Moore lauter Rettungsanker, die nie bis auf den Grund reichen.