Nun ist es schon lange her, daß ich ausging, um einen neuen Wasserkessel zu kaufen. Zur Erinnerung (ZEIT Nr. 25/14. Juni 1991): Beim alten wackelte der Griff, es hatte sich der Deckelknopf gelöst, und auf dem Boden bildete sich Kesselstein mit aigenhafter Besessenheit immer neu, kurzum: Der kleine Ärger war nun viel größer als die Anhänglichkeit an einen geliebten schönen Gegenstand.

Doch die Suche nach einem neuen wurde deprimierend. Es schien, als hätten es sich alle Wasserkesselfabrikanten der Welt geschworen, nur populären Schund zu produzieren. Nichts, was dem anspruchsvollen Auge und der Hand gefiel. Doch plötzlich spielte mir der Zufall eines Bummels die Entdeckung im Vorübergehen zu. Auf den ersten Blick war klar: Das ist er!

Er hat ein Heidengeld gekostet. Doch ich dachte an den Taxifahrer, der ein besonders teures Auto fuhr und die horrende Ausgabe gelassen begründete. Schon richtig, sagte er, sehr teuer. „Aber warum sollte ich ausgerechnet bei meinem Arbeitsplatz sparen, auf dem ich zwei Fünftel meines Lebens zubringe? Ich freue mich jeden Tag darüber, dafür ist mir kein Preis zu hoch.“ Warum also nicht mit einem täglich gebrauchten Küchengegenstand Luxus treiben?

Auf einem rotbedruckten Zettel wurde dem Käufer mitgeteilt, daß der Wasserkessel K 3 aus Magnalium hergestellt sei, einer Aluminium-Legierung mit einem Zusatz von Magnesium. („Es genügt, die hochglänzende Oberfläche in heißem Wasser abzuspülen und danach mit einem Tuch zu polieren.“) Kessel- und Deckelgriff sind aus dem Holz des Bergahorns gemacht. Sogar der Künstler dieses Kunstwerks wurde genannt. Er heißt Albert Burrage; doch weit und breit kein Buch, kein Experte, der Auskunft über ihn zu geben vermöchte. Sicher ist nur, daß sein Wasserkessel schon eine Geschichte hat.

Eine Freundin fand die Spur genauso zufällig auf einem Flohmarkt in Berlin, am Stande eines Engländers. Welche Überraschung: Unter seinem Trödel – mein Kessel! Die Bodenplatte war noch bis zum Rande plan, der Griff ein wenig schlanker als heute, der Deckelknopf saß etwas gerader, das Metall war leicht angelaufen. Aber sonst? Es war K 3, der hier noch 3 K hieß, die Typ-Nummer C 237 führte und unter der Nummer 84 32 05 registriert war: made in England von der Firma Newmaid. Der Flohhändler hatte, unverkennbar vom selben Designer, Kaffee-, Tee-, Milchkannen, eine ganze kleine Kessel- und Kannenfamilie mit Zuckerdose und Tablett, sagen wir von ungefähr 1930, reine Art déco, auch nicht die verschwiegenste Spur von Bauhaus-Geometrie mehr. Statt dessen: Skulptur gewordenes Temperament. Schauen wir uns den Wasserkessel an!

Von hinten betrachtet – behäbig wie eine Glucke, allein darauf konzentriert, das Wasser zum Kochen zu bringen. Im Profil – versammelte Kraft, vorwärts drängende Dynamik, die Tülle scharf wie ein Raubvogelschnabel, selbst die Biegung des Griffs folgt der Devise: Gießen! Von vorn aber enthüllt sich genau an den Partien, wo der Körper sich zur Tülle formt, besser, in die Tülle vorwärts schwingt, die plastische Eleganz der Form. Schwer liegt der Kessel in der Hand, auch wenn er leer ist, genauso, wie das Auge es verheißt.

So war die am Anfang erlittene Musterung des Kessel-Sortiments in eine glückliche Erlösung gemündet. Albert Burrage, wann und wo immer er gelebt hat, sei Dank! Denn hier wie bei all den anderen, oft unscheinbaren, kaum beachteten Dingen des Alltags galt die entscheidende Frage stets der Nützlichkeit, zugleich dem schönen Gebrauch, Qualitäten, die sich dem modischen „Design“ zu entziehen scheinen – weil immerfort und überall von „Design“ geredet wird, mehr als je.