Von Richard Holbrooke

NEW YORK. – Seit den antiamerikanischen Demonstrationen in Japan im Jahre 1960 waren die amerikanisch-japanischen Beziehungen nicht mehr so schlecht wie in den vergangenen zwei Monaten. Und dies, obwohl es im Verhältnis zwischen den beiden Nationen keine fundamentalen Veränderungen gegeben hat, die solch einen plötzlichen Stimmungsumschwung hätten herbeiführen können. Die Ursache ist Führungsschwäche auf beiden Seiten.

In Japan wie in Amerika hat es immer protektionistische Politiker, Geschäftsleute und Journalisten gegeben, die die jeweils andere Nation kritisiert haben. Doch niemals zuvor haben die Führer der beiden Länder es zugelassen, daß sie selber zu einem Teil des Problems wurden, indem sie die Grenze zwischen konstruktiver Kritik und Demagogie überschritten. Das ist insbesondere deswegen unverzeihlich, weil George Bush und Kiichi Miyazawa persönliche Freunde sind, die gut über das Land des anderen Bescheid wissen.

Keiner von beiden wollte, daß es so weit kommt – und doch wurde die derzeitige Verstimmung durch ihre eigenen Handlungen und Erklärungen ausgelöst.

Als Bush bei seinem Japan-Besuch im Dezember statt weltumspannender Zusammenarbeit ausgerechnet seine innenpolitischen Probleme zum wichtigsten Tagesordnungspunkt machte, wußte jeder, was er meinte: Die Japaner seien verantwortlich für die wirtschaftlichen Probleme der Vereinigten Staaten. Genauso überraschend war Miyazawas Antwort. Noch nie gab es einen japanischen Premierminister, der so fließend Englisch sprach – zu seinem Bekanntenkreis zählen Hunderte von Amerikanern und sogar sein Schwiegersohn ist Amerikaner. Miyazawa wird also ganz genau gewußt haben, daß eine Bemerkung wie die über die amerikanische „Arbeitsmoral“ auffällig an antiamerikanische Äußerungen anderer hoher japanischer Regierungsbeamter erinnern würde.

Der tiefere Grund für die Unstimmigkeiten liegt wohl darin, daß die Probleme des Welthandels nicht auf eine einfache Formel gebracht werden können. Auch die Vereinigten Staaten verhalten sich da nicht immer, wie Bush selbst einräumte, nach den freihändlerischen Grundsätzen, die sie von anderen Ländern gerne einfordern.

Ausgerechnet in dem Zeitraum, wo der Lärmpegel so dramatisch angestiegen ist, sind die wirtschaftlichen Differenzen zwischen den beiden Staaten sogar geringer geworden. Das amerikanische Handelsdefizit mit Japan zum Beispiel ist in den vergangenen drei Jahren um 27 Prozent gesunken. Aber während die Japaner in den Handelsbeziehungenden Vereinigten Staaten entgegengekommen sind, haben sie es auf erschreckende Weise versäumt, ihre veränderte Haltung der amerikanischen Öffentlichkeit zu erklären. Und es kam noch schlechter: Nachdem sie sich jahrelang durch Passivität auszeichneten, reagieren die Japaner heute mit ausgesprochen aggressiven Kommentaren – von denen einige bereits in Werbefilmen für amerikanische Produkte im amerikanischen Fernsehen verwendet werden.