Stepanek nennt man ihn im Asylantenheim, wo er es ganz eilig hat, morgens wegzukommen, um dann woanders irgend etwas zu machen, das auch nicht zu lange dauert. Zuletzt in Jugoslawien – wo genau da, sagt er aber nicht – flitzte er oft genug zwischen Panzern hindurch und lernte, sich rechtzeitig hinzuwerfen. Das steckt ihm noch in den Gliedern. Er ist immer auf dem Sprung. Seine Mutter schickte Stepanek nach Deutschland in Sicherheit, weil er der Jüngste ist. Eine Anzahlung sollte den Schleppern vorläufig reichen; und wenn sie den Rest nicht kriegen, nehmen sie sich seine Mutter vor; und wenn sein Vater schießt, werden sie sich an Stepanek halten... In seinem Gedächtnis hat er sich eine Liste gemacht. Da steht, wofür es wieviel Gefängnis gibt, und was sich auch bequemer machen läßt.

Probierte er zuerst nicht alle S- und U-Bahnlinien ohne Fahrschein aus, meistens die S-Bahn 1? Klasse, und das frühmorgens, wenn es noch keine Kontrollen gab und er sich wie auf Reisen fühlte... Hatte er sich wirklich gesagt: Lieber stehlen als dealen? Doch es blieb bei einer Handtasche, weil die Frau seiner Mutter wirklich ähnlich sah... Weggelaufen ist er. Und sieht Stepanek einen Polizisten, läuft er schon wieder. Er hat gelernt, vor Uniformen zu laufen. Wuchtet er für den Italiener, der mit Obst und Gemüse en gros handelt, die Kisten nur in Restaurants, weil er die Trinkgelder selbst kassiert, oder stecken in Apfelsinenschalen Teebeutel mit weißem Pulver? Regelmäßig hat er im Asylantenheim vorm Fernseher gesessen und sich alle Krimis reingezogen, damit er bei passender Gelegenheit sagen kann, es wird einem ja gezeigt, wie man es machen soll, das Dealen, Stehlen...

Nein, Stepanek denkt ununterbrochen an den Straßenverkehr. Und lauert er vor Ampeln und rennt bei Grün gerade noch rüber, dann ist er mitten im Training. Rechnet er vielleicht damit, einmal unter ein Auto zu kommen, eines zu über hunderttausend Mark? Obgleich er das Hinwerfen gelernt hat und Kopf und Bauch zu schonen weiß, muß es mal sein, denn Stepanek sagt sich, daß er nachher als Invalide gilt und entweder am Stock gehen muß oder humpelt. Wenn er dann schwarz auf weiß Invalide ist, bekäme er eine lebenslange Aufenthaltsgenehmigung, hätte ein Auskommen. Dann würde er seine Mutter nachkommen lassen. Oder redet er nur von ihr?