Von Manfred Sack

Die Seiten werden nicht erst gezählt, warum auch; das Buch hat kein Register, warum auch: Es ist ein Register. Alle Namen, die es führt, sind alphabetisch geordnet. Und man braucht auch nicht zu wissen, daß dieses Buch fast 2000 Seiten enthält, weil man es in den Händen spürt: ein Buch der Kategorie, welche man "Wälzer" nennt. Man kann sicher sein, daß alle Arien, Chansons, Schlager, Witze, alle kabarettistische und Komikertexte verbreitenden Institutionen danach trachten werden, dieses einzigartige Kompendium zu besitzen – sonst niemand.

Aber stimmt das? Gibt es nicht die fröhlichen Verrückten, die Sammler, Datenjäger, die Fans und die Freaks, die ein unstillbares Vergnügen an dem schon lange aus der Mode gekommenen Metier der Kleinkunst haben und immerfort auf der Suche nach ihren wunderbaren, exotischen, albernen, schmalzigen, kessen, feurigen Blüten sind?

"Lieber Leser", begrüßt Berthold Leimbach aus Göttingen, der Sammler, Herausgeber und Verleger und Vertreiber dieses imposanten Werkes, sein Publikum in einem "Wort zuvor", aber natürlich werden seine Leser sein Buch niemals so lesen wie irgendein anderes Buch. Es ist kein Gegenstand der Unterhaltung, sondern einer der Information, ein Fährtenweiser, der indessen seine unterhaltenden Partien hat: Das sind die mit oft Staunen machender Akribie recherchierten Lebensläufe, die den Namen, wo immer es möglich war, Farbe geben.

Das Buch enthält alle europäischen Namen, die etwa seit der Jahrhundertwende, seit es die Schallplatte gibt, auf Kleinkunst- oder großen Bühnen aufgetreten sind, nicht selten erste Adressen der Vortrags- und Darstellungskunst, bis gegen Ende der fünfziger Jahre, da diese Sparte zu verblühen begann. Nur wenige Namen bleiben ohne Bild und ohne biographische Notiz. Es gibt andere, die noch fest in vieler Leute Erinnerung haften geblieben sind. Von manchen Künstlern sind nur ein oder zwei Nummern konserviert, von anderen so viele, daß sie Seiten um Seiten füllen. Es ist eine unvergleichlich reichhaltige Diskographie.

Unter dem Rubrum "Kleinkunst" findet man Gesangs- und Vortragskünstler jeglicher Art: Varieté- und andere Humoristen sowie Komiker, Volks-, Opern-, Operetten- und Chansonsänger, Tenöre und Soubretten, Conferenciers, Kabarettisten und Parodisten, Komponisten und Dichter. Hunderte von Namen. Manche sind immer noch berühmt – so wie Maurice Chevalier. Andere Namen klingen berühmt – wie der von Clara Tabody. Die dritten sind schon in der Registratur versunken – so wie Fritz Schulz oder Marta Hübner oder Carlos Llach oder so wie Mizzi Starecek, die einst, wie wir lesen, mit der Sängerin Leopoldine Lauth ein Duo gebildet hat und "auf ihren Schallplatten, häufig begleitet vom Schrammel-Trio oder Lanner Quartett ..., ebenso lebenszugewandt ‚A guates Tröpferl‘, das alte Wien und seine Gemütlichkeit sowie das Musizieren selbst" besungen hat – auf vier Dutzend Schallplattenaufnahmen. Angaben wie diese fegen alle Zweifel beiseite: Berthold Leimbachs Buch mit dem schnörkellosen Titel "Tondokumente der Kleinkunst und ihre Interpreten 1898-1945" ist ein Standardwerk. Beinahe ist man froh, daß dieses so vollkommen wirkende Werk auch die eine oder andere winzige Lücke hat, zum Beispiel die, in welche Grete Mosheims Sprechrolle in Prokofiews "Peter und der Wolf" gehört, eine der schönsten Interpretationen, die es gab. Und man ist beeindruckt von der Sachlichkeit der Mitteilung: daß der Rock ’n’ Roll der Schnulze zu schaffen machte, zum Beispiel Rudi Schuricke.

Was war ihm geblieben? Er "zog sich ins Private zurück und wurde Gastwirt in Köln". Aber wo findet man Schuricke, wenn nicht da, wo er hingehört, nämlich zwischen Schulz, Hugo, und Schwabach, Kurt? Hinten, ganz hinten bei den Ensembles: im Schuricke-Terzett.