Von Anthony Sampson

Wie grundlegend haben dreizehn Jahre konservativer Regierung die Machtstrukturen in Großbritannien verändert? Könnte eine andere Regierung wieder zurücksteuern? Während der achtziger Jahre gab es in den Ländern der westlichen Welt gleichartige Pendelschläge von Macht und Meinung: Verlust der Illusionen über Nationen und die Dogmen des Sozialismus, Revolte gegen zu hohe Steuern, Schwächung der Gewerkschaften, wachsende Sorge um die Umwelt. Die meisten schwangen nach rechts, wie auch schon in den fünziger Jahren, aber diesmal hielt der Ausschlag länger an, die Demokraten in den Vereinigten Staaten und die Sozialdemokraten in Deutschland teilten die Sorgen der britischen Labour Party, das Pendel könne stehenbleiben. Der „Thatcherismus“ jedoch war revolutionärer als die „Reagonomics“ oder der „Kohlismus“. Wenn man die inneren Strukturen Großbritanniens in den fünfziger und sechziger Jahren beobachtet hat, erscheint es im Rückblick fast wie ein anderes Land.

Diese Veränderungen können nicht ausschließlich durch ökonomische und finanzielle Begriffe definiert werden. Wir müssen sehen, wie der menschliche Charakter der Nation sich geändert hat, wie eine neue Generation von Gewinnern und Verlierern entstand. Der durchgreifendste Wandel, glaube ich, erwuchs aus der Zentralisierung von politischer und finanzieller Macht. Ironischerweise erreichte gerade die Premierministerin, die versprochen hatte, das big government zu reduzieren, die stärkste und nie gekannte Konzentration der Macht, dank deren die traditionellen Gleichgewichte überrollt wurden.

Seit den siebziger Jahren ist die Zahl der Persönlichkeiten, die eine öffentliche Rolle in unserer Nation spielten, deutlich geschrumpft. Das frühere Polit-Drama bot eine Menge größerer Sprechrollen, wie Gewerkschafter, kommunale Berater, stellvertretende Kanzler, Wissenschaftler, regionale Beamte und unabhängige Politiker. Jetzt werden die Handlung des Dramas und die Nebenrollen straff auf eine Linie zugeschnitten, alles dreht sich um Geld, um das Finanzministerium und – vor allem – um Downing Street.

Es fing in Whitehall an, wo Frau Thatcher das Kabinett wie noch kein anderer Premierminister dominierte. Es gelang ihr, die bisher geltende Theorie umzustoßen, daß der Premierminister „der Erste unter Gleichen“ sei. Sie versagte sich jedem Konsens und zog es vor, sich direkt an ihre Wähler im Fernsehen zu wenden – und sie gewann drei Wahlen.

Sogar Churchill hatte in den fünfziger Jahren Minister im Amt belassen, die er verabscheute. Aber Minister, die Frau Thatcher widersprachen – mit Ausnahme vielleicht von Lord Whitelaw –, wurden unbarmherzig ins politische Abseits verstoßen. „Wenn man sich die Memoiren von Ministern aus den sechziger Jahren anschaut, war es eine andere Welt“, berichtet Sir Charles Powell, der länger als sieben Jahre ihr Privatsekretär war. „Es gab im Kabinett keine Chance für Rebellion. Oft hörte man überhaupt nicht, was das Kabinett dachte. Ihr Befehl hat Whitehall mehr gegängelt als der jedes anderen Premiers seit Churchill – oder sogar noch mehr.“

Um Mrs. Thatcher versammelte sich ein Hofstaat, mit Höflingen und Würdenträgern. Der Status der großen Ressorts wurde völlig von ihrer Laune abhängig. Schon früh in ihrer Regierungszeit feuerte sie den Kopf des Civil Service, Sir Ian Bancroft, schaffte sein Ressort ab und nahm sich Geschäftsleute als Berater. Sie hungerte das Auswärtige Amt finanziell aus. Als Sir Geoffrey Howe 1986 Außenminister wurde, ignorierte sie ihn fast völlig, korrigierte und schrieb seine Reden um und wählte ihr genehme Botschafter in Schlüsselpositionen, wie zum Beispiel Sir Robin Renwick für den Posten in Pretoria. Auf der anderen Seite blähte sie das Verteidigungsministerium auf. Durch den Falkland-Krieg 1982 erlebten Generale und Admirale plötzlich kurzen öffentlichen Ruhm, zum ersten Mal seit 1945. Vor allem aber wurde das Finanzministerium zum Schlüsselministerium, weil es die öffentlichen Ausgaben kontrollierte. Im Gegensatz zu den anderen Ministerien verloren die hohen Beamten des Finanzministers niemals wirklich ihre Macht. Als Mrs. Thatcher beim Haushalt 1979 ihren Finanzminister Sir Geoffrey Howe überrollte, indem sie den Spitzensteuersatz auf sechzig Prozent herunterdrückte, fand sie in dem Staatssekretär Sir Peter Middleton, einem harten Yorkshire-Mann, ihren Verbündeten.