Von Thomas Hanke

Eine Inflationsrate von 4,7 Prozent wie im März – das hat es seit Anfang der achtziger Jahre nicht mehr gegeben. Viele Bundesbürger sind besorgt und fragen sich: Ist das erst der Anfang? Wird die Teuerung demnächst fünf Prozent übersteigen? Die Angaben des Statistischen Bundesamtes werden mehr und mehr in Frage gestellt. Am Stammtisch heißt es, die offiziellen Berechnungen würden getürkt, um über das wahre Ausmaß des Kaufkraftverlustes hinwegzutäuschen. Zu der Angst vor der Abschaffung der D-Mark kommt nun die Furcht hinzu, der Wert des Geldes zerrinne zwischen den Fingern.

Vergrößert werden solche Sorgen nicht zuletzt durch die Warnungen der Bundesbank, die Inflationsgefahren seien noch nicht gebannt. Die Währungshüter verweisen auf den ungebremsten Anstieg der Geldmenge und der Kredite. Hier baue sich weiterhin ein Geldüberhang auf, der die Inflation fördere. Ungewollt nähren die Lenker der Zentralbank Zweifel an ihrer eigenen Fähigkeit, die Stabilität des Geldwertes zu sichern. Denn ihr wichtigster Ansatzpunkt ist gerade die Beeinflussung der Geldmenge über die Steuerung der Zinsen. Seit 1989 hat die Bundesbank die Leitzinsen, zu denen die Banken Geld von der Bundesbank erhalten können, in etwa verdoppelt. Trotzdem ist die Inflation nicht gebremst worden. Sie beschleunigt sich sogar seit Ende vergangenen Jahres. Und die Geldmenge expandiert weiter. Greift die Politik der Bundesbank nicht mehr?

Das Statistische Bundesamt und die volkswirtschaftlichen Experten der Forschungsinstitute wie der Großbanken teilen diese Befürchtung nicht. Sie sind nahezu einhellig optimistisch: Die Inflationsrate von 4,7 Prozent stelle den Gipfel dar, in den nächsten Monaten gehe die Fieberkurve der Preise wieder nach unten und werde im Jahresdurchschnitt weniger als vier Prozent betragen. In der zweiten Jahreshälfte werde die Bundesbank dann auch beginnen, die Geldpolitik wieder zu lockern – eine Belebung für die schwache Konjunktur.

Der besonders krasse Anstieg der Lebenshaltungskosten um 4,7 Prozent darf nicht kopfscheu machen: Er ergibt sich aus dem Vergleich mit dem Zeitraum unmittelbar nach Ende des Golfkrieges, als vergangenes Jahr sinkende Rohstoffpreise das Preisniveau stabilisierten. Durch den Bezug auf einen niedrigen Ausgangswert im März 1991 fiel die Rate im März 1992 besonders hoch aus. Hinzu kommt, daß im Juli 1991 mehrere Verbrauchssteuern angehoben wurden. Bis Mitte des Jahres wird deshalb das aktuelle Preisniveau mit Vorjahreswerten verglichen, die noch nicht durch die höheren Steuern belastet waren. Dies allein macht fast einen Prozentpunkt Inflation aus, der von Juli an entfallen wird.

Ebenso wichtig wie diese eher mathematischen Überlegungen ist die Wirkung der abgeflauten Konjunktur. Nach der ausländischen hat seit einigen Monaten auch die Inlandsnachfrage deutlich abgenommen. Anders als Ende 1990 arbeiten die deutschen Unternehmen deshalb nicht mehr an der Grenze ihrer Kapazitäten. Die konjunkturelle Überhitzung mit preissteigernden Effekten, die nach dem Fall der Mauer einsetzte, ist vorbei.

Weil die Nachfrage sich abschwächt, sind denn auch die Spielräume für die Überwälzung von Kostensteigerungen auf die Preise enger geworden. Die Unternehmen spüren das bereits schmerzhaft: Schätzungen der Westdeutschen Landesbank zufolge sind die Gewinne im zweiten Halbjahr 1990 rund fünf Prozent unter den Vorjahreswert gesunken, weil die gestiegenen Lohnstückkosten nicht voll in den Produktpreisen weitergegeben werden konnten.