Wer ist Oliver? Er lebt mit einer rothaarigen Dame zusammen, die Gedichte schreibt, die seinen ästhetischen und orthographischen Ansprüchen nur selten genügen. So macht sich Oliver nächtens über ihr Textverarbeitungsgerät her, beginnt Zeilen zu verschieben, Fehler auszumerzen und steigert sich zum „Virtuosen der Ausschneide- und Einfügetaste“. In der Regel keine allzu sensationelle Fertigkeit – außer bei einem Perserkater.

Diese schräg-plakative Satire über die hier wahrlich unbegrenzte Verfügbarkeit moderner Techniken ist die absurdeste von zwölf seltsamen Geschichten im ersten Buch der Britin Linda Cookson. Auch sonst: Abgründe, Verrückungen, Spleens zeichnen die literarischen Helden und Heldinnen der 36 Jahre alten Autorin und Literaturdozentin aus.

Etwa der gräßliche Herr Franz, Abteilungsleiter einer rheinländischen Weinfirma mit Blockwartmanieren, der hinter verschlossener Bürotür an einen eingebildeten Papagei täglich, inklusive Wochenende, größere Mengen von Erdnüssen verfüttert, oder die imposante, sehr plötzlich angeheiratete Tante Dorothy, eine angeblich tschechoslowakische Gräfin mit lavendelfarbenen Wagenradhüten, Fuchspelzstola, hochhackigen Riemchensandaletten, umnebelt von einer Wolke „Soir de Paris“. Die halbwüchsige Erzählerin darf Stunden am Toilettentisch der extravaganten Tante zubringen, wo diese das Mädchen verschwörerisch in die Geheimnisse weiblicher Schönheitstricks einweiht. Warum Tantchens Schuhnummer für eine Frau so ungewöhnlich groß und ihre Stimme so sonor war, wird erst nach ihrem Verschwinden klar, als die Polizei das Photo eines Typen in Hose, Jacke und Männerschirmmütze herumzeigt.

Die kurzen Geschichten von Linda Cookson sind so gebaut, daß sie von Anfang an zielgerichtet auf ihre Schlußpointe zulaufen. Für den aufmerksamen Leser sind wie bei einer Schnitzeljagd Andeutungen eingestreut, die auf den ersten Blick harmlos banal, bisweilen etwas merkwürdig wirken und erst vom Ende her ihre ganze inhaltliche Tragweite offenbaren. Dieses Auslegen der Fährte funktioniert routiniert, aber die erzählerische Konstruktion verkommt so zur bloßen Methode, die Obsessionen wirken effektsicher inszeniert.

Eine längere Erzählung allerdings gibt es in dem Buch, in der es der Autorin auf sechzig Seiten gelingt, eine Atmosphäre der Rätselhaftigkeit entstehen zu lassen. An einem kalten Januarmorgen stehen drei Menschen neben dem berühmten Vier-Ströme-Brunnen auf der Piazza Navona. Zwei Männer und eine Frau, alle Engländer, wie sich herausstellen wird, und mit den unterschiedlichsten Motiven zu dieser unwirtlichen Jahreszeit nach Rom gereist. Der 33jährige Roger war gekommen, um hier zu sterben, wie John Keats, den er verehrte. Der Oxfordstudent Hugh, um beim Besuch der Kirchen der Ewigen Stadt herauszufinden, ob er tatsächlich für das Priesteramt bestimmt war, und Effie, eine verkrachte Doktorandin auf der Flucht vor Wissenschaft und einer zerbrochenen Liebe.

Wie diese drei über eine dahingemurmelte Zeile aus einem Gedicht von Keats zusammenfinden, wie der Name des Dichters zum Schicksalsfaden wird, der die persönlichen Verstrickungen dieser zufällig aufeinander gestoßenen Menschen lose verknüpft und weiterspinnt, das läßt für das schriftstellerische Vermögen der Linda Cookson einiges erhoffen. Barbara von Becker

  • Linda Cookson:

Der Papagei des Herrn Franz Geschichten; aus dem Englischen von Leslie Giger und Ilse Bezzenberger; Diogenes Verlag, Zürich 1991; 230 S., 34,– DM