Von Iring Fetscher

Jean Ziegler hat zusammen mit einem Pseudonym bleibenden französischen Sozialisten aus dem Umfeld von Rocard ein Essaybändchen veröffentlicht, das deutsch unter dem etwas schwerfälligen Titel "Marx, wir brauchen Dich..." erschienen ist. Französisch lautete er "A demain Karl. Pour sortir de la fin des ideologies". Frei übersetzt: "Bis Morgen dann Karl – um aus dem Ende der Ideologien herauszukommen".

Die beiden Verfasser sehen – anders, als das zur Zeit in Deutschland üblich ist – das Versagen der Intellektuellen, vor allem wohl der französischen, darin, daß sie zwischen Marx auf der einen und Lenin auf der anderen Seite, Stalin und den übrigen Sowjetmarxisten offenbar nicht zu unterscheiden wußten und daher, fast ohne lange Überlegung, vom primitivsten Stalinismus-Leninismus-Maoismus zur sogenannten "neuen Philosophie" und schließlich zu einem absolut unkritischen Manchester-Liberalismus übergegangen sind. Der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch des bürokratischen Staatssozialismus mit seiner immer ineffizienter werdenden Kommandowirtschaft ist aber für Jean Ziegler und Uriel da Costa keine "Widerlegung" von Marx, sondern nur ein Beweis für die Lernunfähigkeit einer sturen Diktatur von Nutznießern eines Systems, das sich zu Unrecht auf Marx und seine kritische Theorie berief. Deutschen Intellektuellen schreiben die Verfasser dagegen die Einsicht zu, zwischen diesen beiden Phänomenen unterscheiden zu können.

Der Marx, von dem wir noch immer zu lernen haben, ist in diesem Buch vor allem der frühe philosophische Denker, der mit dem Konzept der Entfremdung und Verdinglichung eindringlich beschrieben hat, was nach wie vor als zutreffende Zustandsschilderung zeitgenössischer Verhältnisse gelten kann. Die Geschichtsphilosophie von Marx wird dabei – mit gutem Grund – ganz fallengelassen und ebenso auch das Defizit einer Demokratietheorie bemerkt. "Entfremdet", "verdinglicht" stehen heute – auch für viele Politiker der westlichen Welt – die ökonomischen Strukturen und deren immanenter Zwang ihren Intentionen und Hoffnungen gegenüber. Man spricht von "Sachgesetzlichkeiten" und neigt dazu, vor ihnen zu kapitulieren.

Soziales Elend in den Metropolen und vor allem in der sogenannten "Dritten Welt" wird als schicksalhaft hingenommen oder mit unzulänglichen Mitteln bekämpft. Das wohlhabende Europa ist auf dem Weg, sich nach außen abzuschließen. Die Völker Afrikas, deren Rohstoffe immer weniger von den Industriestaaten benötigt werden, sind auf sich zurückgeworfen und leiden unter zunehmendem Identitätsverlust, weil ihnen die westliche Industriezivilisation als Norm übermächtig entgegentritt. Wanderbewegungen gigantischen Ausmaßes stehen bevor. Europa verwandelt sich in eine nach außen abgeschlossene Festung. Was Jean Ziegler über "die Einsamkeit der dritten Welt" schreibt, ist ein erschütterndes Plädoyer gegen die unintendierten, aber realen Verheerungen, die unsere westliche Zivilisation angerichtet hat.

Freilich irrt Jean Ziegler, wenn er meint, diesen Prozeß der Zerstörung traditioneller kultureller Indentitäten mit Marx kritisieren und interpretieren zu können. Weder Marx noch Engels hatten Verständnis für das Eigenrecht derart "rückständiger Kulturen". Ihr Fortschrittsglaube und ihr Eurozentrismus ließen sie blind für die Schäden sein, die das fortschrittliche, industriekapitalistische System eigenständigen älteren Kulturen zufügt. Im übrigen betont Jean Ziegler zu Recht, daß die leninistischen Diktaturen in Afrika und anderswo ebenso rigoros über kulturelle Traditionen hinweggegangen sind. Das Erschrecken über die Kehrseite des "zivilisatorischen Fortschritts", wie er von Europa und später von Nordamerika und Japan über die Welt sich ausgebreitet hat, stammt erst aus jüngerer Zeit. Lévi-Strauss wäre hier eher ein Gewährsmann als Karl Marx und seine Schüler.

Wie bei allen reformerischen Sozialisten tritt auch bei diesen Autoren die Ethik an die Stelle der obsoleten (und verhängnisvollen) Geschichtsdoktrin. Eduard Bernstein hätte daher unter den "Wächtern in der Nacht", die Jean Ziegler abschließend feiert (unter ihnen Olof Palme und Bruno Kreisky), durchaus einen berechtigten Platz finden können. Den französischen Sozialisten werfen beide aber vor, daß sie den Weg vom radikalen Reformismus zum angepaßten Wirtschaftsliberalismus gegangen seien und dabei ihre Identität verloren hätten. Ihnen gilt wohl vor allem der Zuruf, Marx und seine Entfremdungskritik nicht zu vergessen. Dabei könnten sie sich an dem eindrucksvollen Lebenswerk Henri Lefèbvres orientieren, das zur Zeit in Frankreich fast vergessen ist. Lefebvre war bis 1956 Kommunist und trennte sich dann um so entschiedener von seiner – bis dahin noch leninistischen – Partei. 1959 faßt er seinen selbstkritischen Weg in dem Buch "La Somme et le reste" zusammen und wird von den "offiziellen Marxisten" Frankreichs ebenso verurteilt wie von den Sowjetmarxisten, die ihn zum "Anführer des internationalen Revisionismus" ernannten.