Von Hans-Ulrich Wehler

Da liegt er nun: der lang erwartete erste Band eines neuen "Handbuchs der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands", das der Kölner Historiker Friedrich-Wilhelm Henning in Gestalt einer von der "Vorgeschichte" bis zur Gegenwart führenden Trilogie schreiben will. Das mächtige Konvolut behandelt einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren: von den Karolingern bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Es umfaßt auch fast tausend Seiten Text, wird durch 170 Abbildungen, Graphiken, Tabellen und eine umfangreiche Bibliographie ergänzt sowie durch ausführliche Sach- und Personenregister erschlossen. Die beiden Folgebände für das 19. und 20. Jahrhundert, vermutlich im gleichen Umfang, sind bereits angekündigt.

Man weiß zunächst nicht, was man mehr bewundern soll: den Mut oder die weitreichende Sachkompetenz eines einzelnen Autors, der ein solches Riesenwerk allein in Angriff genommen hat und sein kühnes Vorhaben offenbar auch auszuführen imstande ist. Andererseits: Hennings Unternehmen fügt sich ein in die anwachsende Reihe großer Ubersichtsdarstellungen, welche deutsche Historiker in den letzten Jahren vorgelegt haben – von Thomas Nipperdeys "Deutsche Geschichte" etwa über die Werke von Karl Dietrich Bracher, Theodor Schieder und Eberhard Weis in der "Propyläen Geschichte Europas", von Hans Mommsen, Rudolf Vierhaus und Peter Moraw in der "Propyläen Geschichte Deutschlands" bis hin zur Konkurrenz in anderen Reihen der Verlage Beck, Dietz und Siedler. Selbst im Zeitalter der angeblich unvermeidbaren Teamarbeit hat die Herausforderung offensichtlich nicht an Reiz verloren, im Alleingang solche Synthesen zu versuchen. Hier geht es freilich um ein Monumentalwerk, für das es bisher kein vergleichbares Vorbild gibt!

Eigentümlicherweise fehlt eine Einleitung, in der dem Leser über die leitenden Fragestellungen, die Auswahlkriterien, die Interpretationsperspektiven Auskunft gegeben wird. Vielmehr geht Henning sogleich in medias res. In sechs Kapiteln von sehr unterschiedlicher Länge wird das, was er für wissenswert hält, zusammengefaßt. Seinem Urteil zufolge sind es nur "die Grundlinien der Entwicklung". Nach einem Rückblick auf die "Vor- und Frühgeschichte" (I, S. 1 bis 26) folgt eine ausführliche Darstellung der "Entstehung der feudalistischen Gesellschaft" bis circa 1150 (II, S. 27 bis 163). Diesem Basisprozeß des frühen Mittelalters widmet der Verfasser besondere Aufmerksamkeit, da er hier die Organisationsprinzipien am Werke, die harten sozialökonomischen und politischen Strukturen auftauchen sieht, die seither für die Dauer eines Milleniums die "feudalistisch organisierte ländliche Gesellschaft" bis etwa 1800 geprägt haben. Anschließend werden "Städtegründungen, Ostkolonisation und Entstehung der Landesherrschaften" von 1150 bis 1350 behandelt (III, S. 167 bis 389), ehe die "Blütezeit der städtischen Wirtschaft" von 1350 bis 1470 in den Mittelpunkt rückt (IV, S. 393 bis 534). Es folgt das "Zeitalter der Preisrevolution" von 1470 bis 1618 (V, S. 537 bis 732) und mit kühnem Sprung die "Blütezeit des Kameralismus" von 1618 bis 1800 (VI, S. 737 bis 950). Ein äußerst knapper, zehnseitiger Ausblick lenkt auf die Perzeption wichtiger Probleme durch kluge Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts, dazu auf die Auswanderungsfrage hin, ehe der "Aufbruch in das bürgerliche Zeitalter" angekündigt wird.

Der eindeutige Schwerpunkt dieses Bandes liegt auf der Wirtschaftsgeschichte. Von der im Titel als gleichwertig angekündigten Sozialgeschichte gibt es – dazu gleich mehr – nur einige Tupfer. Aber diese Wirtschaftsgeschichte wird von Henning ganz weit verstanden: Sie umschließt Landwirtschaft und Gewerbewirtschaft, Gutswirtschaft und Stadtwirtschaft, Wirtschaftspolitik und Wirtschaftstheorie, Unternehmensorganisation und Handel, Finanzwesen und Preisentwicklung, Siedlungsbewegung und Verkehrswesen; hinzu kommt eine luzide Klärung komplizierter Probleme des Rechts, der politischen Herrschaft, gelegentlich auch der Kultur. Unter solch einem weiten Dach kann man eine immense Menge von Ereignissen, von kurz- und langlebigen Prozessen und Strukturen zusammenführen. Und das gelingt Henning in der Tat immer wieder auf eine eindrucksvolle Weise.

Überhaupt liegt seine Stärke darin, einen bewundernswerten Faktenreichtum straff zu organisieren, so daß über weite Strecken ein zuverlässiges Kompendium des gegenwärtigen Wissensstandes entsteht. In manchen Teilen wird auch die Komplexität der historischen Konstellation scharfsichtig erfaßt, etwa im Hinblick auf die Feudalgesellschaft, ohne daß dabei allerdings die systematischen Überlegungen von Max Weber, Otto Hintze, Marc Bloch aufgegriffen und weitergeführt werden.

Die Präsentation des Materials besitzt einen nüchternen, streng sachbezogenen Duktus. Didaktisch geschickt wird es nach verschiedenen Gesichtspunkten in rund 270 Kleinkapiteln untergliedert. Das erleichtert die schnelle Information. Der unprätentiöse, geradlinige, aber auch schmucklose, auf stilistische Pointen verzichtende Stil ist ganz an dem Ziel orientiert, möglichst viel Sachwissen umfassend und doch kompakt zu vermitteln. Das abwägende, ruhige Urteil ist stets um Gerechtigkeit bemüht. Kurzum: Die Vorzüge dieser Darstellung aus einer Feder sind unübersehbar. Man braucht Hennings Eröffnungsband zum Beispiel nur mit der letzten Auflage des "Gebhardt", des meist benutzten Handbuchs der Deutschen Geschichte, zu vergleichen, um dieser Vorzüge voller Anerkennung gewahr zu werden.