Wenn eine Akademie der Künste überhaupt einen irdischen Zweck hat, dann ja wohl den: Forum zu sein für die unerläßlichen Debatten des Augenblicks. Alle Seiten sollen sich hier begegnen, nicht um Harmonie zu inszenieren, sondern um aneinander die Argumente schärfen zu können.

Die Krise, in die sich die Westberliner Akademie manövriert hat, hat damit zu tun, daß dieser Diskurs, der ein Minimum an gegenseitigem Respekt voraussetzt, heute unmöglich scheint. Nicht so sehr zwischen West und Ost verläuft der Riß, sondern zwischen Ost und Ost: den mehr oder weniger einverstanden Dagebliebenen auf der einen Seite, den Dissidenten und Weggegangenen auf der anderen.

Sie vor allem wehren sich gegen den Mehrheitsbeschluß der Westakademie, die Überbleibsel der vor der Auflösung stehenden Ostakademie bei sich aufzunehmen. Es stimmt, sie machen dabei auch allerlei schiefe Gründe geltend. Rechtens war jener Beschluß schon: Alle waren eingeladen, die Versammlung war beschlußfähig, und sie war auch befugt, den Berliner Senat um jene Änderung des Akademiegesetzes zu ersuchen, die die Enbloc-Aufnahme der Restakademie Ost ermöglichen soll. Auch von „Verostung“ kann nicht im Ernst die Rede sein: 256 Mitglieder würden ja wohl 21 Neuzugänge verkraften können (so viele Mitglieder der Ostakademie kämen de facto hinzu; die übrigen 45 sind seit Jahren sowieso schon im Westen Mitglied). Und Reiner Kunzes Argument, ein jeder Künstler sei unersetzbar und kein Austritt dürfe je in Kauf genommen werden, ist zwar sympathisch, bedeutete aber letztlich, daß immer nur Einmütigkeit herrschen dürfte – und damit das Ende jeder organisierten Gemeinschaft.

Um so schwerer jedoch wiegen zwei andere Argumente gegen die Fusion. Warum in drei Teufels Namen soll einer nachgeordneten Einrichtung des Ministerrats der DDR überhaupt ein wenn auch nur symbolisches Nachleben vergönnt sein? Und wo bleiben in der fusionierten Akademie die oppositionellen Künstler der DDR? Auf beide Fragen hat die Westakademie keine Antwort gefunden. Die Versöhnungsrhetorik ihres Präsidenten Walter Jens (im eisigen Klima der Abwicklungen „ein menschliches Zeichen“ setzen ...) ist keine Antwort.

Daß der Fusionsbeschluß nur eine Notlösung darstelle und auch Schaden anrichten werde, war von Anfang an klar. Leider hat niemand, im voraus definiert, wie groß dieser ausfallen dürfte. Inzwischen, so scheint mir, ist der Fall jedoch eingetreten. Egal, wie viele Austritte hinnehmbar gewesen wären – 26 jedenfalls sind zuviel. Publizistisch hat sich die Akademie in eine verheerende Lage gebracht. Daß die Berliner CDU-Fraktion der En-bloc-Zuwahl zustimmt, ist mehr als unwahrscheinlich. Und da sich sowohl die Austritte als auch die Neuzugänge aus der Ostakademie in der Abteilung Bildende Kunst massieren, besteht hier keine vernünftige Aussicht mehr, daß sie das vor allem Nötige tut: sich Künstler aus der DDR-Opposition hinzuzuwählen.

Um aus dieser verfahrenen Lage herauszufinden, müßte die Akademie nun schon über ihren Schatten springen. Wenn ihre Mitglieder am nächsten Wochenende zur Neuwahl des Präsidenten zusammenkommen, sollten sie den Fusionskurs für das erklären, was er ist: gescheitert. Da sie jedoch andererseits unmöglich weitermachen können, als wäre in Deutschland alles beim alten, gäbe es danach nur eines: Die Akademie müßte sich von der Politik verbindlich zusagen lassen, daß eine Interimsphase nicht zum Nachteil ihrer Sammlungen, Mitarbeiter, Gebäude, auch nicht ihres erfreulich staatsfernen Status ausgenutzt würde. Und dann: Selbstauflösung und gleichzeitige Bestimmung eines Ausschusses, der eine ganz neue Akademie wählt – jeden einzeln, keine Blöcke. Einzige Vorgabe: daß die Hälfte der neuen Mitglieder irgendwann Bürger kommunistischer Staaten war.

Wenn ein so schwerer Dampfer einmal in Fahrt ist, ist er nur schwer zu stoppen, auch wenn das Riff vor ihm nun klar erkennbar ist. Das falscheste in solcher Situation aber ist die Parole „Augen zu und weiter“. Dieter E. Zimmer