Von Hellmut G. Haasis

Der deutsche Liberale Gustav von Schlabrendorf, 1750 in Stettin geboren, 1824 in Batignolles gestorben, zählte unter der deutschen Kolonie von Paris zu den großen Zeugen des Revolutionszeitalters. Ein schlesischer Großgrundbesitzer, der sein Leben lang von seinen Gütern zehren konnte. Eine skurrile Gestalt, die mitten im Paris der Jakobiner, des Direktoriums, Napoleons und der Reaktion in ein und demselben Hotelzimmer eingeschlossen lebte, in dem sie 1791 zufällig einquartiert worden war. Schlabrendorfs Augenzeugenschaft, jahrzehntelang von Hunderten deutscher Parisreisender in Anspruch genommen, gründete sich auf unerschöpfliche Berge gesammelter Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und eine seltene analytische Begabung. Lektüre, Briefverkehr und endlos viele, ganz wahllose Gespräche mit jedermann – aber nur im eigenen Hotelzimmer – schufen ihm die Grundlagen für die scharfsinnigen Reflexionen über seine Zeit. Schlabrendorf hätte viel zu schreiben gehabt. Als ewiger Sammler und vermögender Adliger sah er sich nie zu dieser Mühe genötigt, verachtete sie sogar. Sein enormer Nachlaß gilt als zerstört, in Breslau am Ende des Zweiten Weltkriegs verbrannt. So sagt man.

Die jetzt vorliegende Neuausgabe zweier äußerst seltener, fast vergessener deutscher Streitschriften von 1804 gegen Napoleon wäre verdienstvoll, wenn sie mit historischer Sorgfalt gemacht worden wäre. Was heißen soll: Wenn sich nicht Hans Magnus Enzensberger in totaler Unkenntnis und gräßlicher Schlampigkeit darüber hergemacht hätte. Sorglos werden beide anonyme Schriften Schlabrendorf zugeschrieben. Bei der ersten mag das noch angehen: „Napoleon Bonaparte und das französische Volk unter seinem Consulate“, 1804 bei Hoffmann und Campe in Hamburg herausgekommen. Bei der zweiten („Sendschreiben an Bonaparte. Von einem seiner ehemaligen eifrigsten Anhänger in Deutschland“) scheint mir Schlabrendorfs Autorschaft ausgeschlossen zu sein. Diese Erkenntnis springt einen schon auf der ersten Seite an. „Nein, Bonaparte! Dich zu lieben, ist ferner nicht mehr möglich. Du machst es zu arg. Du tust gerade das Gegenteil von dem, wessen die Moral, die Tugend und Vernunft zu Dir sich versahen. Viele Tausende in Deutschland, die enthusiastisch an Dir hingen, deren Idol Du mehrere Jahre hindurch warst, können nicht anders, sie müssen nunmehr auch auf die entgegengesetzte Seite treten und eingestehn, daß Du nicht einmal ein außerordeutlicher Mann, sondern ein ganz gemeiner Heuchler, ein platter Narr, Summa Summarum, ein Bösewicht geworden bist. Eben Deine wärmsten Freunde hast Du gezwungen, Deine ärgsten Feinde zu werden. Betrogene Liebe verwandelt sich mit Recht in bittern unversöhnlichen Haß.“

Hier herrscht ein ganz anderer Ton: das vertrauliche, wenn auch aus Enttäuschung in Verbitterung umschlagende Du. Hier blühen Polemik, Agitation, Kampf – nicht die Reflexion im Zimmer des Pariser „Hotel der beiden Sizilien“. Ich vermag nicht zu sagen, wer diese scharfe Schrift schrieb, die dem nachtragenden Napoleon ein Exekutionskommando wert gewesen wäre. Man spekuliert auf den preußischen Demokraten Hans von Held. Enzensbergers Ausgabe diskutiert die Verfasserfrage überhaupt nicht.

Die erste Schrift ist nicht uninteressant, aber sie leidet an Geschwätzigkeit, Unkonzentriertheit seitenlangen Abschriften aus Zeitungen und Büchern. Und viel, viel Klatsch. Hier verzettelt sich jemand, dem vor lauter Einfällen der Blick auf das Wichtige verlorengegangen ist. Schlabrendorf ist geblendet von Napoleons Herrscherglanz. Er bewundert die Tatkraft, die brutale Energie, die nichts Gewordenes respektiert – und dann doch in moralischer Verkommenheit versinkt und im Regierungsstil auf die lächerlichsten Vorbilder des Ancien régime zurückgreift. Unvermeidliche Geschmacklosigkeiten eines Emporkömmlings.

Große Klagen über die Zerstörung der Demokratie darf man von beiden Streitschriften nicht mehr erwarten. Seit zehn Jahren wird die Demokratie mit Terrorismus verwechselt, hat sich vor dem Absturz unter der Diktatur der Robespierristen nicht wieder erholen können. So ist diese Neuedition noch nicht einmal ein Abgesang auf die verlorene Demokratie. Sie bezeichnet vielmehr den Übergang zum deutschen Nationalismus, be der zweiten Schrift sogar tendenziell zum Chauvinismus.

Auf das Konto von Enzensbergers Schludrigkeit geht auch die problematische Textgestalt. Bei der ersten Schrift erfährt man nicht, welche der vier Auflagen man hier vor sich hat. Ich erwarte keine historisch-kritische Edition, kein Verzeichnis aller Abweichungen in den verschiedenen Auflagen Doch hätte ich gerne gewußt, worin sich die Auflagen unterscheiden. Doch dazu hätte Enzensberger sich mit Schlabrendorf beschäftigen müssen Er tat es nicht, überließ es offenbar einem Knecht einer Magd, der oder die ihm die Editionsarbeit abnahm – und dafür nirgends erwähnt wird. So sehen sich alle Fragen nach Schlabrendorf auf einen schon lange überholten Aufsatz von Bertha Badt aus dem Jahr 1917 verwiesen, der zudem peinliche Töne eines Nationalismus aufweist. Man erfährt nicht, wie es um Schlabrendorfs Nachlaß steht. Enzensberger hat sicher nicht in Breslau nachgesehen.